Balladen

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  Sanct Stephan
  von Gottfried August Bürger (1747-1794) Sanct Stephan war ein Gottesmann, Von Gottes Geist berathen, Der durch den Glauben Kraft gewann Zu hohen Wunderthaten; Doch seines Glaubens Wunderkraft Und seine Himmelswissenschaft Verdroß die Schulgelehrten, Die Erdenweisheit ehrten. Und die Gelehrten stritten scharf Und waren ihm zuwider; Allein die Himmelsweisheit warf Die irdische darnieder, Und ihr beschämter Hochmuth sann Auf Rache an dem Gottesmann! Ihn zu verleumden, dungen Sie falscher Zeugen Zungen. Und gegen ihn in Aufruhr trat Die jüdische Gemeinde. Bald riß ihn vor den Hohen Rath Die Rachgier seiner Feinde. Die falschen Zeugen stiegen auf Und logen: Dieser hört nicht auf, Zu sträflichem Exempel Zu lästern Gott und Tempel. Sein Jesus, schmäht er, würde nun Des Tempels Dienst zerstören, Hinweg die Satzung Mosis thun Und andre Sitten lehren. Starr sah der ganze Rath ihn an; Doch er, mit Unschuld angethan, Trotzdem was sie bezeugten, Schien Engeln gleich zu leuchten. "Nun sprich! Ist dem also?" begann Der Hohepriester endlich. Da hub er frei zu reden an Und deutete verständlich Der heiligen Propheten Sinn Und was der Herr von Anbeginn Zu Juda's Heil und Frommen Gered't und unternommen. "Doch, Unbeschnittne", fuhr er fort, "An Herzen und an Ohren! An euch war Gottes That und Wort Von je und je verloren. Eu'r Stolz, der sich der Zucht entreißt, Stets widerstrebt er Gottes Geist. Ihr, sowie eure Väter, Seid Mörder und Verräther!" "Nennt mir Propheten, die sie nicht Verfolgt und hingerichtet, Wenn sie aus göttlichem Gesicht Des Heilands Kunft berichtet, Des Heilands, welchen eu'r Verrath Zu Tode jetzt gekreuzigt hat. Ihr wißt zwar Gottes Willen, Doch wollt ihn nie erfüllen." Und horch! ein dumpfer Lärm erscholl. Es knirschte das Getümmel. Er aber ward des Geistes voll Und blickt' empor gen Himmel Und sah eröffnet weit und breit Des ganzen Himmels Herrlichkeit Und Jesum in den Höhen Zur Rechten Gottes stehen. Nun rief er hoch im Jubelton: "Ich seh' im offnen Himmel, Zu Gottes Rechten, Gottes Sohn!" Da stürmte das Getümmel Und brauste wie ein wildes Meer Und übertäubte das Gehör, Und wie von Sturm und Wogen Ward er hinweggezogen. Hinaus zum nächsten Thore brach Der Strom der tollen Menge Und schleifte den Mann Gottes nach, Zerstoßen im Gedränge; Und tausend Mörderstimmen schrien, Und Steine hagelten auf ihn Aus tausend Mörderhänden, Die Rache zu vollenden. Als er den letzten Odem zog, Zerschellt von ihrem Grimme, Da faltet' er die Hände hoch Und bat mit lauter Stimme: "Behalt', o Herr, für dein Gericht Dem Volke diese Sünde nicht! - Nimm meinen Geist von hinnen!" Hier schwanden ihm die Sinnen.


 
   
     
   
     
      © by Nora Runge - Alle Rechte vorbehalten