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  Mord aus Liebe
 

von Heinrich von Kleist (1777 - 1811)

Man hat vor einiger Zeit in den öffentlichen Blättern gelesen, daß ein Paar Liebende sich gegenseitig aus Verzweiflung in einem Augenblick getötet hatten. Ein ganz gleicher Vorfall ereignete sich im Jahre 1770 zu Lyon. Ein italienischer Fechtmeister, namens Faldoni, hatte sich bei seinen Übungen einen solchen Schaden zugefügt, daß die Wundärzte, welche ihn zu behandeln hatten, erklärten, er müsse bald daran sterben, weshalb er sich immer auf seinen Tod vorbereiten möchte. Der Unglückliche liebte seit einiger Zeit mit der heftigsten Leidenschaft ein Mädchen, von dem er wieder geliebt wurde. Beide Liebenden gerieten durch diese Erklärung der Wundärzte in heftigste Verzweiflung. Der eifersüchtige Italiener konnte sich nicht entschließen, seine Geliebte in der Welt zurückzulassen, und diese beteuerte, sie würde ihn nicht überleben vermögen. Auf diese Versicherung gestützt, brütete von nun an Faldoni über dem schrecklichen Gedanken; allein ehe er ihn ausführte, wollte er die Wahrheit der Gesinnung seiner Geliebten auf die Probe stellen. In einem Augenblicke der Zärtlichkeit und des Schmerzes ließ er sie mehrmals wiederholen, daß ihr ohne ihn das Leben ganz gleichgültig, ja verhaßt sei. Hierauf zog er ein Fläschchen aus der Tasche und sagte: "Das ist Gift!" und sogleich verschlang er es. Außer sich vor Schmerz entriß ihm seine Geliebte den Rest und schluckte ihn begierig hinunter. Allein nun gestand er ihr, daß er bloß ihre Liebe und ihren Mut habe auf die Probe stellen wollen. Mit schmerzlicher Freude teilte er einem Freunde den gemachten Versuch mit. Dieser nahm ihm seine Waffen weg und bemühte sich, ihn von den düsteren Ideen, die ihn quälten, zu befreien. Der Kranke stellte sich beruhigt und äußerte, gegen die Meinung der Ärzte, die Hoffnung, seinen Unglücksfall zu überleben, indem er vorgab, es habe ihm ein Wundarzt in einer entfernten Stadt versprochen, ihm das Leben zu erhalten. Unter diesem Vorwand trat er diese Reise an. Einige Tage darauf bat das Mädchen ihre Eltern, sie möchten ihr erlauben, in ihrem Landhause zu Ivigny an den Ufern der Rhone, zwei Stunden von Lyon, die Landluft auf einige Zeit zu genießen. Der Italiener begab sich sogleich, mit zwei Waffen versehen, dahin. Das Mädchen schrieb nun an ihre Eltern einen Brief, worin sie auf ewig von ihnen Abschied nahm. Nachdem sie hierauf alle Bedienten entfernt hatten, verschlossen sich die Liebenden in die Hauskapelle. Hier setzten sie sich am Fuße des Altars nieder und schlangen mit dem linken Arme ein Band um sich. Jedes hielt ein Pistol auf das Herz des andern, und mit einer Bewegung gingen beide Pistolen los und durchbohrten die Brust von beiden mit einem Male. Die Mutter war indessen, um den unglücklichen Plan zu vereiteln, sogleich in der größten Eile von Lyon abgereist, allein sie fand nur die entseelten Körper fest aneinander geschlossen. Ihre Tochter hatte die Augen mit einem Tuche verbunden, Faldoni aber sein Gesicht mit seiner Redingote verhüllt. Der Liebhaber war dreißig und seine Geliebte zwanzig Jahre alt.




 
   
     
   
     
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