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  Der Großmutter Weihnachtsabend
  von Helene von Engelhardt (1850-1910) Großmutter lauscht dem Klang der Weihnachtsglocken Und hat gedankenvoll ihr Haupt gebeugt, Es fallen auf die Hand die greisen Locken, In stiller Rührung wird die Wimper feucht. Und horch, daneben tönt ein munt’res Lärmen, Es stürmen ihre Enkel in den Raum Und drängen jubelnd sich in frohen Schwärmen Rings um den bunt geputzten Weihnachtsbaum. In diesen Kindern sprießet frisches Leben Und reift entgegen einer neuen Zeit, Hier keimet Kraft, die einst ihr ganzes Streben Der Menschheit ew’gen Freiheitskampfe weiht; Für alles Große, Herrliche hienieden, Wie streiten einst die Knaben stark und kühn,- Und Herzensreinheit, Sitte, Liebe, Frieden, Wird einst in diesen Mädchen weiter blühn. Großmutter denkt der eignen Kinderzeiten, Sie sieht im Elternhaus den Weihnachtsbaum, Und bunte Bilder ihres Lebens gleiten An ihrem Geist vorbei in wachem Traum: Sie sieht sich glücklich an des Gatten Seite, Im süßen Heim, das ihr die Lieb’ erbaut, Und fröhlich spielen ihre Knaben beide Am Weihnachtstisch mit hellem Jubellaut. Die Eltern hin - der Gatte längst begraben, Die Söhne tot, mit ihnen tot ihr Glück: Doch nein, hier reifen ihrer Söhne Knaben, Wohl reiches Leben ließen sie zurück: "Mich beugt danieder schon der Jahre Winter, "Euch blüht empor die goldne Frühlingszeit, "Für euch die Zukunft, ihr geliebten Kinder, "Doch mein, doch mein ist die Vergangenheit!" Großmutter lauscht dem Weihnachtsglockenklange, Ein seltsam Lächeln spielt um ihr Gesicht, Sie ahnet wohl, es währet nicht mehr lange, Bis dass das letzte Glöcklein spricht! Es färbt ein leises Rot die welke Wange, Die Hände betend sie gefaltet hält: Großmutter hat im Weihnachtsglockenklange Wohl einen Gruß gehört aus jener Welt!


 
   
     
   
     
      © by Nora Runge - Alle Rechte vorbehalten