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  Erinnerung an einen Nikolaustag


 

von Scilasko

Als ich aufwachte, war es schon ein wenig hell im Schlafzimmer.
Ich hatte sehr unruhig geschlafen, denn ein sonderbarer Traum wiederholte sich ständig und ließ sich nicht abschütteln:
Ich war wieder Kind, und ich freute mich auf den Nikolaus.

Mein Schuh mußte vor die Tür gestellt werden, aber ich fürchtete mich, die Tür zu öffnen. Dann stand der Schuh doch noch draußen, und er war groß, zu groß eigentlich für einen Kinderschuh. Ich faßte hinein, tief, ganz tief, und ich griff ins Leere und wachte auf.

Es war wirklich Nikolaustag, doch ich war längst kein Kind mehr, und einen Schuh hatte ich demzufolge nicht vor die Tür gestellt. Wer sollte auch etwas hineinlegen? Ich lebte allein, lange schon, vielleicht zu lange schon.

Als ich kurz darauf am Frühstückstisch saß und etwas Milch in den heißen Kaffee rührte, meinte ich, den Nikolaustag früher einmal mit etwas anderem noch verbunden zu haben. Und dann fiel es mir plötzlich wieder ein:

Ich wohnte damals in einem kleinen Ort im südlichen Niedersachsen und besuchte am Nikolaustag den Weihnachtsmarkt in der nahe gelegenen Stadt. Es war ein naßkalter Tag, die kleinen Holzhäuschen der Händler waren um die mächtige Backsteinkirche herum aufgebaut, und in die schon winterliche Luft mischte sich ein Duft von Bienenwachskerzen, gebrannten Mandeln, Lebkuchen, gerösteten Kastanien und Glühwein.

Viele bunte Lichter überstrahlten das Geschehen, und über dem Platz lag eine weihnachtlich heitere Stimmung.

Es war schon dunkel geworden, und leichter Schnee fiel vom Himmel herab auf die vielen Menschen, die sich im dichten Gedränge bewegten. Ich wollte mich ein wenig aufwärmen und strebte einem Glühweinstand zu, und als ich ihn fast erreicht hatte, stieß ich mit ihr zusammen. Sie trug einen dicken steingrauen Wollpullover, dessen weiter Rollkragen bis ans Kinn reichte. Unter einer weißen Baskenmütze, die keck auf der rechten Kopfseite saß, quollen ihre schwarzen leicht gewellten Haare hervor. „Oh, Entschuldigung!“ sagten wir wie aus einem Munde und mußten über den unbeabsichtigten Gleichklang lachen.

„Darf ich Sie zu einem Glühwein einladen?“ fragte ich mutig, und sie sagte ohne zu zögern „Ja, gerne!“ Bald standen wir uns gegenüber, stießen die Becher aneinander, und sahen uns durch den Dampf des tiefroten heißen Getränks an. Ihre Augen waren dunkel, ebenso die langen Wimpern. Die Nase war schmal und gerade, und ihre vollen Lippen ließen beim Sprechen zwei ebenmäßige Zahnreihen erkennen. Sie wärmte am Becher ihre Hände und trank den Glühwein langsam und mit Genuß. Ich sah keinen Ring an ihrem Finger, und sie plauderte ganz unbefangen mit mir. Als wir ausgetrunken hatten, sagte sie: „Auf einem Bein steht man schlecht!“ und bestellte noch zwei Becher Glühwein. Von dem süßen Getränk gewärmt und angeregt, beschlossen wir, nun gemeinsam über den Markt zu bummeln. Der Besucherstrom zog uns mit, und irgendwann fanden sich unsere Hände, und wir hielten einander fest, damit wir uns im Gedränge nicht verlieren konnten. Wir probierten die gebrannten Mandeln, kauften eine große Tüte gerösteter Maronen und später wollte ich ihr unbedingt ein Lebkuchenherz kaufen und fragte sie nach ihrem Namen. „Es wird kein Herz mit meinem Namen geben“, sagte sie und zog mich weiter, hin zu einem Stand, an dem auf dünne Holzstiele gespießte Äpfel kandiert wurden. Wir kauften zwei davon, knabberten den noch warmen kirschroten Zucker von den Früchten, und dabei färbte sich ihr ungeschminkter Mund verführerisch rot. Eine Gruppe junger Burschen drängte sich an uns vorbei, und wir wurden aneinander geschubst. Als sie mir so nahe war, da hielt ich sie fest und unsere Lippen fanden sich. Es wurde ein wundervoller Abend, und als ich sie gegen 23 Uhr zur Haltestelle brachte, erreichte sie gerade noch den letzten Bus. Zuvor hatten wir unsere Anschriften ausgetauscht, und so erfuhr ich ihren Namen. Mit Vornamen hieß sie Walja, und ihr Nachname klang osteuropäisch, vielleicht russisch, zumindest hatte ich diesen Namen bisher nie gehört. Wir trafen uns erst nach Neujahr wieder und danach noch zwei- oder dreimal.

Dann aber wurde mir zum April in B. eine interessante Arbeitsstelle angeboten, und wir verloren uns nach meinem Umzug bald aus den Augen.

Das war nun schon 15 Jahre her. Was mochte aus ihr wohl geworden sein? Ich trank meinen Kaffee aus, setzte mich an den Computer, rief die Telefonauskunft auf und tippte ihren Namen in die Tastatur. Ich hatte auf Anhieb Glück. Sie schien demzufolge unverheiratet zu sein, und sie wohnte in einem Ort, eine knappe Autostunde von meinem jetzigen Wohnsitz entfernt. Ich sah aus dem Fenster. Draußen schien es kalt zu sein, aber es lag kein Schnee und die Straßen waren frei. Ich machte mich frisch, rasierte mich, zog mich an, suchte aus meinen Verpackungsresten eine große bunte Weihnachtstüte heraus. Die stopfte ich kurz entschlossen voll mit Datteln, Feigen, Marzipankartoffeln, Weihnachtskeksen und Walnüssen, die ich für die Adventszeit immer auf Vorrat hatte, und fuhr damit wenig später los.



Es war kaum Verkehr am diesem Morgen, und ich erreichte früher als gedacht das Dorf, in dem sie nun wohnte. Das Haus stand direkt an der Hauptstraße, ein dreistöckiges Mehrfamilienhaus, das schon älter aussah und eigentlich gar nicht in das Dorfbild paßte. Ich parkte meinen Wagen auf der Straße, nahm die Tüte mit den süßen Sachen und ging zum Hauseingang. Die Namen neben den Klingelknöpfen waren verwaschen und zum Teil nicht zu lesen, aber die Haustür war nur angelehnt, und ich ging hinein.

Mir war ein wenig mulmig zumute, aber nun war ich hier, und ich wollte jetzt nicht mehr umkehren.

Im Flur war es nicht sehr hell, und es roch muffig. An den beiden Wohnungstüren im Erdgeschoss stand ihr Name nicht, deshalb ging ich eine Treppe höher. Von ganz oben kamen Leute die Treppe herunter, ein Paar mit zwei Kindern. Die Kinder grüßten mich, ich grüßte zurück und ließ alle passieren. Dann sah ich mir, als sie unten das Haus verlassen hatten, weiter die Namensschilder an. Letztlich mußte ich ins Obergeschoß steigen, und da endlich las ich auf dem Türschild ihren Namen. Aber darunter standen außerdem: Wolfgang P., Lida und Kolja.

Hinter der Tür war es absolut still, und mir wurde plötzlich klar, daß ich Walja soeben im unteren Flur begegnet war, Walja, ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern. Ich stand eine Weile enttäuscht und ratlos da, dann hängte ich meine Nikolaustüte an die Klinke der Wohnungstür, stieg langsam die Treppenstufen hinunter und trat aus dem Haus.

Am Ende der Straße sah ich sie noch gehen, alle vier. Sie entfernten sich immer mehr, und zuletzt war auch der helle Punkt von Waljas weißer Baskenmütze nicht mehr zu sehen.

Auf der Heimfahrt gingen mir die Gedanken kreuz und quer durch den Kopf. Ich verspürte ein Gefühl von Einsamkeit wie lange nicht mehr, und ich nahm mir ganz fest vor, gegen Abend doch mal wieder auf den Weihnachtsmarkt zu gehen.
 




 
   
     
   
     
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