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  Weihnachten
  von Julius Stinde (1841-1905) Da lag der Vater krank, weil die hartherzigen reichen Menschen ihm keine Arbeit gaben. Er band die besten Besen in der ganzen Umgegend, und Niemand sang mit so reinem Gewissen bei seiner Arbeit als Gotthold Heldmann, der nun auf dem dürftigen Siechbette vom Fieber geschüttelt wurde. Wohl hatte seine Frau Marie ihn gepflegt, so lange ihre Kräfte reichten. Mühsam keuchend trug sie die Besen in die Stadt, welche Gotthold gebunden hatte, in der Hoffnung einen Sparpfennig zurückzulegen, um seinen Kindern einen Weihnachtsbaum bescheren zu können. Aber das Geld hatte die Herzen der Wohlhabenden verhärtet, mit gefühllosen Worten herrschten die gallonirten Bedienten die arme Marie an und wiesen sie hinaus auf die Straße. Keiner begehrte ihre Besen, die doch die besten waren, welche es gab. Da erlag auch Marie. Sie sank auf das Krankenlager. "Meine armen Kinder," flüsterte sie. "Oh, meine armen Kinder." - Diese hießen Magdalene und Peter. Magdalene war die ältere Schwester, Peter der jüngere Bruder. Wie hatten Beide sich auf das Weihnachtsfest gefreut, welches dicht vor der Thür stand, aber Magdalene, die ältere und deshalb auch die klügere sagte: "Gerne würde ich auf den Tannenbaum verzichten, wenn nur mein liebes Mütterlein wieder besser würde." - "Ich auch" sprach Peter, der kleine Schelm, "wenn nur mein liebes Väterlein wieder genesen möchte." Als die Eltern diese Worte hörten, weinten sie Beide bitterlich. Wer sollte ihnen Hilfe bringen, einen Arzt, theure Medizin, eine Flasche guten alten Weines und stärkenden Kalbsbraten; wer konnte ihnen einen Tannenbaum anzünden, da Niemand sie hätte im Walde zu finden vermocht und die letzte Hoffnung geschwunden war. Ach die Armen haben selten Aussicht, wenn sie im Elend sind. Die Nacht senkte sich allmälig nieder und es begann zu dunkeln. In dem Eisenbahnzuge, der mit rasender Schnelligkeit die Stadt C. zu erreichen sucht, saß in einem wohldurchwärmten Cupee erster Klasse ein Mann, dem man ansah, daß er aus dem fernen Amerika herüberkam. Aber war er glücklich? - Nein! Trübe blickte er in die nächtliche Dunkelheit hinaus und manch schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. Wer so seufzt, der hat den inneren Frieden nicht, wahrscheinlich niemals gekannt. Wie arm sieht es in solchem Herzen aus, wie nichtssagend ist für ihn das Leben. Ja der fremde Mann war einsam und verlassen, trotz seines unermeßlichen Reichthumes, denn er stand allein! Diese und ähnliche Gedanken durchzogen sein gemartertes Gehirn. "Laßt mich, ihr Gedanken," rief er stöhnend aus, "ach ich kann euch nicht bereuen und nicht ertragen. Oh könnte ich euch zum Schweigen bringen." - Die Gedanken schwiegen aber nicht. Ach die Reichen haben selten Ruhe vor ihren Gedanken, wenn sie im Wohlleben sind. - Der Schaffner öffnete das Fenster. "Ihr Billet mein Herr," rief er dem Fremden zu, "wir sind gleich in C." - "Schon?" entgegnete dieser und reichte dem Schaffner das Billet. - "Jawohl," erwiderte er, "der Zug beeilt sich, damit er einige Minuten früher eintrifft, denn heute ist ja Weihnachtsabend." - "All right," wollte der Fremde antworten, aber das Wort erstarb ihm in seinem Munde. Erschüttert sank er in die weichen Kissen des Sitzes und heiße Thränen rollten über seine Wangen. Dies waren die ersten Thränen, welche er seit zwanzig Jahren vergoß. Die Gedanken legten sich. "Ich will ein besserer Mensch werden," sagte der Fremde leise, "ja ich will es und ich werde es." - Möge dieser Vorsatz zur That werden! - Auf dem Bahnhofe zu C. herrschte reges Leben. Der Abendzug war soeben angekommen, Passagiere stiegen aus und ein, die Lokomotive pfiff, Gepäckträger eilten hin und her, denn es war ja Weihnachten. Nur ein Fremder konnte sich nicht entschließen, den Bahnhof zu verlassen, aber als er fast schon der einzig zurückbleibende war, trat ein alter Kofferträger auf ihn zu indem er ihm sagte: "Das Gas wird gleich ausgelöscht mein Herr, Sie müssen gehen." - "Sagen Sie," sagte der aus seinen Gedanken aufgescheuchte Fremde, "sagen Sie . . . lebt der alte Kulengräber Halling noch?" - "Nein," war die Antwort, "der ist schon lange gestorben." - "O mein Gott," rief der Fremde. "Wo aber lebt sein Sohn Gotthold?" "Das weiß Niemand," erwiderte der Alte, "der ist ja auch wohl schon todt." - Der Fremde war bleich geworden. "Well," sagte er, "wann geht der nächste Zug nach Amerika?" - "Morgen früh um sieben Uhr 25 Minuten." - "Gut," sagte der Fremde zähneknirschend, "hat mir die Vorsehung Alles genommen, so fahre ich wieder zurück. Eine Nacht will ich bleiben, keine Sekunde länger." Er wandte sich dem Ausgange zu. "Lieber Herr," rief eine klagende Kinderstimme, "ach lieber Herr kauft einen Besen, einen schönen Besen." - "Ach ja lieber Herr," stimmte eine noch schwächere Kinderstimme ein, "kauft, der Vater hat sie selbst gebunden." - "Wer ist euer Vater, ihr frierenden, hungernden Kleinen?" forschte der Fremde. - "Gotthold Heldmann," antwortete das eine der Kinder bescheiden und doch ohne Scheu. Der Leser wird wohl schon errathen haben, daß es Magdalene war, die sich mit dem schelmischen kleinen Peter aufgemacht hatte, um einige Pfennige für die lieben Elterlein daheim auf dem Krankenlager zu verdienen. - "Gotthold?" rief der Fremde, "und wer, wer war euer Großvater?" - "Ach das gute Großväterchen," entgegnete Magdalene, "er konnte sein Grab leider nicht selbst graben, wie er immer wünschte. Das hat der Vater uns oft erzählt." - "Kinder," rief der Fremde laut jubelnd aus, "umarmt mich, denn ich bin Euer Onkel Heinrich aus Amerika. Nun hat alle Noth ein Ende." - "Wir haben einen lieben guten Onkel," sagte der kleine schelmische Peter, "wir haben einen Onkel!" - Keine Feder ist im Stande diese Scene zu beschreiben; selbst der alte Kofferträger weinte eine heimliche Thräne in seinen eisgrauen Bart. Magdalene war in Noth und Sorgen praktischer geworden, als sie es ihrem Alter nach sein konnte, auf ihren Rath sorgte der Onkel Heinrich zuerst für die armen Eltern im Walde. Er kaufte einen schönen Wagen, in den er die Kinder setzte, worüber diese sehr erfreut waren, besonders der schelmische, kleine Peter; er nahm einen Arzt mit, mancherlei Arzeneien und stärkende Sachen. Aber er vergaß auch den Tannenbaum nicht. So fuhren sie dem Walde zu. "Wer ist da?" rief der brave Gotthold Heldmann, der wie der Leser wohl schon errathen hat, eigentlich Gotthold Halling hieß. "Seid Ihr es Kinder? Tretet näher, daß ich Euch segne, denn ich fühle, daß mein letztes Stündlein geschlagen hat. Ach, wenn ich nur neben dem Vater begraben werden könnte, das ist mein letzter Wunsch!" "Nein, nein, Du sollst leben geliebter Bruder," rief eine Stimme. "Ich bin gekommen, Dein Bruder Heinrich, ich habe viel Geld und Gut. Eure Noth ist aus." Der Arzt sagte, er sei überflüssig, die Freude habe mehr gewirkt als alle Arzenei. Nun wurde aufgedeckt. Da war Caviar, Hummer, Pastete, Braten, Wein und Kuchen, was nur das Herz begehrte. Und als nun der Tannenbaum brannte, da wurde der Jubel groß und der kleine schelmische Peter klatschte vor Vergnügen in die Hände.


 
   
     
   
     
      © by Nora Runge - Alle Rechte vorbehalten