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  Adams Tagebuch


 

von Mark Twain (1835-1910)

Montag
Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Weg zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um mich herum. Ich mag dies nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute umwölkt; ich denke, wir werden Regen haben.

Dienstag
Das neue Geschöpf tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt. Und das immer unter dem Vorwand, daß es "so aussehe".

Mittwoch
Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte, vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, wie verschiedene der anderen Tiere, so bald ihnen etwas weh tut oder sie sich fürchten.

Freitag
Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.

Samstag
Ziemlich nebelig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das neue Geschöpf tut es. Es geht bei jedem Wetter aus und kommt dann mit schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend, und früher war es hier so angenehm und ruhig.

Sonntag
Hab' ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag gewählt und abgeson-dert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf, wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Früchte herunterzu-holen.

Montag
Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Es sagt, der Name sei da-zu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Diese Bemerk-ung hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfes. Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein "Es", sondern eine "Sie" sei. Mir ist's einerlei; sie mag sein, was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht beständig reden wollte!

Samstag
Bin durchgebrannt und habe mir, nachdem ich zwei Tage darauf losge-wandert war, einen neuen Unterschlupf gebaut, an einer abgelegenen Stelle. Aber sie hat mich aufgespürt; sie stürzte plötzlich zu mir herein und machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie sieht, heraus-schießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr zurückzugehen, - aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Sonntag
Habe ihn glücklich hinter mir.

Montag
Ich habe Eva schon wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert, und ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunter-kam und sagte, es hätte ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu tun.

Samstag
Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog, um sich im Wasser zu betrachten. Sie tut das immer, sobald sie an einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. Sie hat so viel Was-ser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser leben müssen, und die sie Fische nennt. Die Folge war, daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett tat. Aber ich habe sie beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie einfach vor die Türe werfen und nicht wie-der mit ihnen schlafen, denn sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen ihnen ist unbehaglich.

Dienstag
Jetzt hat sie sich mit der Schlange eingelassen.

Freitag
Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich riet ihr, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wolle es nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder ans Auswandern.

Mittwoch
Ich habe eine schrecklich aufregende Zeit hinter mir. An jenem Freitag-abend bin ich ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten, so schnell mein Pferd laufen konnte. Ich befand mich auf einer grasigen Ebene, auf der Tausende von Tieren versammelt waren, teils schlafend, teils miteinander spielend, wie das bei Tieren Brauch ist. Aber plötzlich stießen sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durchein-ander. Wie rasend fielen die Tiere übereinander her und zerfleischten sich gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch ich wußte sofort, was es zu bedeuten hatte - Eva hatte von der verbotenen Frucht gegessen! Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen es, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht schnell aus dem Stau-be gemacht. Jenseits der Grenze des Parks bin ich nun an diesem Platz, bis sie mich auch hier entdeckt hatte und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste daran war, daß mir das eigentlich gar nicht so unange-nehm schien. Auch fand sie den Platz gar nicht übel und hatte natürlich sofort einen Namen für ihn, - weil er gerade so aussah. Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte, was dieser neue Unsinn bedeuten solle, und ihr das grüne Zeug herunterriß, da zitterte sie an allen Gliedern und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemand zittern und rot wer-den sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern auch blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das bald an mir selbst erfah-ren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz meines Hungers fing ich an, mich selber mit dem Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann sah ich sie an, wie sie so dastand, und befahl ihr mit Entrüstung, noch mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. Sie gehorchte mir mit Eifer, und dann schlichen wir beide nach dem Platze zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernich-tungsschlacht gekämpft hatten, und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen können.

Nächstes Jahr
Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen, während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu stellen. Sie fing es im Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns angelegt haben. Es ist vielleicht irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner Meinung nach ist es ein Irrtum. Der Unter-schied in der Größe rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch neue Art Tier ist, vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser warf, um mir Gewißheit zu verschaffen, sank es sofort unter, worauf sie ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir Zeit zu lassen, die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer der Überzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr gleichgültig zu sein scheint, was es ist. Sie hat noch nie auf ein Tier so große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund dafür anzuge-ben. Ich glaube wirklich, sie hat ihre fünf Sinne nicht mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang auf ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hineinwerfen möchte, so wehrt sie sich dagegen. Sie drückt den Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rückenund macht mit ihrem Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen.

Sonntag
Am Sonntag scheint sie sich's zur Regel zu machen, nicht zu arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Sie steckt sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund, und er fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe ich noch keinen Fisch lachen sehen, und dabei kommen mir allerlei Zweifel.

Mittwoch
Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt . aber trotzdem kann ich noch nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei keinem Tier gesehen. Ich glaube, es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es stirbt, will ich es auseinandernehmen, um seine Einrichtung zu untersuchen.

Drei Monate später
Die Geschichte wird immer rätselhafter. Das Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht auf seinen vier Füßen herum. Die Kürze der Vorder- und die Länge der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus einer Känguruhfamilie stammt. Es muß eine Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert ist. Ich habe es "Kaengurum Adamiensis" getauft. Es muß ein ganz jungen Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang und Gewalt machen die Sache nur schlimmer. Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schöntun und meistens damit, daß sie ihm alles gibt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat.

Drei Monate später
Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer fort. Ich habe noch nie gesehen, daß ein Kängeruh so lange braucht, um seine volle Größe zu erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf. Könnte ich nur ein zwei-tes fangen - doch das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es gehört einer neuen Art an und ist von dieser das einzige Exemplar, - so viel steht jetzt fest. Seit gestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde, wenigstens einen ihm einigermaßen verwandtem Tier zu begegnen. Aber es fiel bei dem bloßen Anblick in solche Krämpfe, daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen.

Fünf Monate später
Es ist kein Känguruh. Es kann sich seit wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an einem hingestreckten Finger festhält. Über ein paar Schritte kommt es freilich nicht hinaus, sondern fällt jedesmal wieder auf alle viere zurück. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist.

Vier Monate später
Ich bin wieder auf einem längeren Jagdausflug fortgewesen. In der Zwischenzeit hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinter-beinen allein fortzuhelfen und etwas das wie "Papa" und "Mama" klang, zu sagen. Ich beabsichtige, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpe-dition auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten Exemplar zu durchsuchen.

Drei Monate später
Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug. Aber er war ganz und gar erfolglos. Und was hat sie in der Zwischenzeit getan? Ohne sich vom Platze zu rühren und sich im minddesten anzustrengen, hat sie unter-dessen gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar einge-fangen! Hat man je von solchem Glück gehört?

Tags darauf
Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den Wunsch, eines für meine Sammlung auszustopfen. Aber sie wollte nichts davon wissen. Das neue ist gerade so häßlich, wie das andere zuerst war. Sie hat ihm auch schon einen Namen gegeben - Abel!

Zehn Jahre später
Es sind Jungen! Wir wissen das jetzt schon seit geraumer Zeit. Nur ihre angängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit hat uns so lange irregeführt. Wir haben es noch nicht erlebt, daher unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, - auch ein paar Mädel sind schon angekommen.

Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so würde das besser für ihn gewesen sein ...

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Twain




 
   
     
   
     
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