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  Das Zwillingspaar


 

von Hjalmar Bergman (1883-1931)

Es war einmal ein männliches Zwillingspaar von edelster Gestalt und vollkommenster Ähnlichkeit. Diese Ähnlichkeit erstreckte sich auch auf Neigung und Geschmack, so daß sie dasselbe Mädchen liebten.
Da sagte der eine zu dem andern: "Das mit uns zweien ist solch ein Fall, wo die Braut die Wahl treffen muß."

Und sie gingen zu dem Mädchen und freiten um sie und baten sie, zu wählen, ohne sich zu genieren. Sie betrachtete sie von vorn und von hinten und drehte sie und befühlte sie und bat sie, die Zunge herauszu-strecken, ließ sie traben und galoppieren und drückte sie auf die Flanken und sah ihnen in den Mund - kurz, ging ebenso gewissenhaft vor wie bei einem Pferdekauf. Aber es war glatt unmöglich, auch nur den leisesten Unterschied zu entdecken.

Da legte sie aufs Geratewohl die Hand auf den einen und rief: "Dich nehme ich, denn sonst werde ich verrückt. Aber dein Bruder muß sofort nach einem anderen Weltteil fahren, denn die Liebe ist ewiglich und un-wandelbar und währet das ganze Leben, und ich will nichts mit Verwechs-lungen oder anderen Scherereien zu tun haben."

Das waren kluge Worte, und so geschah es. Aber die Zwillinge waren Seeleute, und das Schicksal wollte es, daß sie sich doch noch einmal treffen sollten, und es blies so pfiffig auf ihre Schiffe, daß sie irgendwo ganz weit weg in denselben Hafen einliefen. Man denke sich ihre Freuden-tränen! Als sie sich gegenseitig ihre Abenteuer erzählt hatten, sagte der Unverheiratete: "Bruder, eine Frage: Bist du glücklich in deiner Ehe?" -
"Da kannst du Gift drauf nehmen", versetzte der andere. "Meine Ehe ist die glücklichste auf der Welt, und wir lieben uns Tag und Nacht das liebe lange Jahr, so daß wir Blasen auf den Lippen kriegen. Aber überdies haben wir einen heiligen Eid geschworen, zusammen zu sterben und ein-ander auch nicht um einen Tag zu überleben." - "Herrjegerle!" rief der Zwilling. Und in seiner tiefen Bewegung wollte er den Bruder umarmen, aber er stellte sich dabei so ungeschickt an, daß er ihn vom Ufer hinunterstieß ins Meer. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, ihn herauszu- ziehen, aber der Zwilling hatte sein Sonntagsgewand an, und während er es ablegte und zusammenfaltete, wie seine Mutter es ihn gelehrt hatte, kam ein Hai und fraß den unglücklichen Bruder auf.

Nachdem der Unverheiratete den Verheirateten bitterlich beweint hatte, sagte er zu sich selbst: Wie wird das nun mit der kleinen Schwägerin? Das ist eine fatale Geschichte für sie. Namentlich in Anbetracht dieses heiligen Schwurs, ihren Gatten nicht zu überleben. Es wäre jammerschade um das Frauenzimmer. Er grübelte ein Weilchen nach und ging dann an Bord von seines Bruders Schiff und sagte: "Hier habt ihr mich wieder, ihr Halunken! Na, kennt ihr mich nicht?" Die Kerls ant-worteten: "Dich kennt man schon, du Schweinehund, und wenn's stockfinstre Nacht wäre!"
Da fühlte er sich sicher vor Entdeckung und segelte mit seines Bruders Schiff heimwärts. Zu Hause ging es ebenso, niemand bezweifelte, daß er der verheiratete (und nunmehr verstorbene) Zwilling sei. Allerdings war ihm etwas flau zumute, als er vor die prüfenden Blicke des geliebten Weibes trat; allerdings war er etwas unruhig, nicht allen Erwartungen voll zu ent-sprechen. Aber das waren unnötige Sorgen. Denn die Wissenschaft lehrt uns, daß Zwillinge dieser Sorte einander bis in die kleinste Einzelheit gleich sind. Er bestand die Probe, und die Folge war, daß sie viele, viele Jahre froh und zufrieden lebten.

Bis sie die goldne Hochzeit feiern sollten. Da kam es zum Krach und ging in die Brüche, wie man so sagt. Da saß auf ihrem Salonsofa die feine, zarte, alter Dame mit schneeweißem Haar und neben ihr der wetterge-bräunte Greis und hielt ihre Hand in der seinen. Und die Alte dankte dem Höchsten, der sie in einer langen glücklichen Ehe ohne Verwicklungen und Schwulitäten hatte leben lassen. Fein und wie geschmiert war es im-merzu gegangen und hatte in keinem einzigen Punkt versagt. Bald lobte sie ihren Gott, bald ihren Mann und die ganze Zeit sich selbst. Sie wühlte in ihren Erinnerungen, tat dem Alten schön und sagte zu ihm, er sei heute noch ganz derselbe wie vor fünfzig Jahren. "Und immer bist du mein lieber, guter Alter gewesen", sagte sie, "und dir gleich, einen Tag, wie den anderen. Ausgenommen damals, als du von jener Reise in fernen Ge-wässern heimkamst. Da hattest du dich ein klein bißchen verändert. Aber nur zu deinem Vorteil, so daß du noch flotter und forscher warst und mir nach dieser Reise fast noch besser gefielst." Da dachte der falsche Zwilling: Jetzt ist der richtige Augenblick für einen Gentleman, Farbe zu bekennen und die Karten auf den Tisch zu legen. Ich will nicht mit einer Lüge auf dem Gewissen in die Grube fahren. Und in schonenden Aus-drücken, mit schönen Denksprüchen gespickt, schilderte er das betrüb-liche Ereignis und beteuerte, daß er gern dem Haifisch seinen besten Schnupftabak in die Augen geworfen hätte, wenn er damit seinen unglück-lichen Bruder hätte retten können. Aber weder seine schonende Art noch seine edle Denkungsweise halfen ihm im allergeringsten. Die Alte geriet außer sich, weinte und schlug um sich, kurz, gebärdete sich, als ob sie das ganze Haus einreißen wollte. Und die ganze Zeit rief sie: "Das wurmt mich! Das wurmt mich!" Der Zwilling war beinahe ein bißchen beleidigt. Er
hatte immer sein Bestes getan, um ihr alles recht zu machen. Und daß sie Witwe geworden, war ja nicht seine Schuld, sondern die des Hais. Übrigens hatte sie weniger Nachteile davon gehabt als sonst Witwen insgemein. Er rappelte sich auf und sagte: "Was wurmt dich denn, du närrische Trine? Hast du nicht selber gesagt, daß du gar keinen Unter-schied zwischen mir und meinem Bruder gemerkt hast, sondern daß wir uns sozusagen das ganze Leben hindurch gleichgeblieben sind?"

Aber die Alte schrie: "Das wurmt mich doch eben. Wenn das Schicksal mich nun schon zur Witwe gemacht und mich verlockt hatte, den heiligen Eid, den ich meinem armen Mann geschworen habe, zu brechen, so hätte ich doch wenigstens ein bißchen Abwechslung davon haben können!"

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Hjalmar_Bergman




 
   
     
   
     
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