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  Die Jammerbase


 

von Ottilie Wildermuth (1817-1877)

Es ist eine uralte Tradition, die bis auf den heutigen Tag auf Treu und Glauben hin angenommen wird, daß nur der Glückliche Freunde habe, der Unglückliche aber freundlos und verlassen sei. Wer das Leben näher ansieht, wird jedoch gar oft das Gegenteil finden. Mancher hat erst im Unglück erfahren, wie viele gute Freunde er hatte; viele, die wir in ihren guten Tagen unbeachtet dahinziehen ließen, werden uns erst wichtig und interessant, wenn ein unerwartetes Leid über sie hereingebrochen ist.
Ist der Jammer vorüber, so läßt man sie getrost wieder ihres Weges gehen. Diese Sympathie fürs Unglück erstreckt sich ja bis auf den Ver-brecher, der auf dem Schafott stirbt.

Eine solche Freundin des Unglücks, die von der schnöden Welt schlechten Dank erfuhr, war Frau Christiane Krauthöfer, zunächst von der Familie, allmählich aber im Kreis ihrer Bekanntschaft schlechtweg die Jammerbase genannt und als solche weit und breit gefürchtet.

Und doch gab es niemand, der nachweisen konnte, daß ihm Frau Kraut- höfer jemals etwas zuleide getan, im Gegenteil, es war fast niemand, dem sie nicht schon, sei es auch nur mit ihrer Teilnahme, beigesprungen wäre,
weshalb sie, weshalb sie auch in ihren jüngeren Tagen der Beisprung genannt worden war. Jetzt hätte diese Bezeichnung zu leichtfüßig ge-klungen für ihr ehrwürdiges Alter, mit dem Springen ging's nimmer, aber mit dem Beistehen noch in alle Wege.

Solange es euch wohlging, hättet ihr gute Ruhe vor der Frau Krauthöfer gehabt, ihr bekamt sie dann nicht einmal zu Gesichte. Wer ihr ein glück-liches Ereignis anzeigte, eine fröhliche Verlobung, ein gut bestandenes Examen, die glückliche Geburt eines Kindes, der wurde mit einem ziem-lich schnöden "so" oder "ist mir eins" von ihr abgefertigt; sagte ihr aber eine Nachbarin im Vorbeigehen: "Denken Sie, Frau Krauthöfer, 's Müller Kind ist gestern die Leiter hinuntergefallen und hat beide Füß' gebrochen und ein paar Arm'!", dann dämmerte durch die mitleidige Miene der Frau Krauthöfer ein gewisser Ausdruck der Befriedigung, und sie machte sich ungesäumt auf nach der Mühle, mit Leinwand und Bandagen versehen. Wenn sich nun auch das Unglück nur als ein einfacher Beinbruch nebst Loch im Kopf darstellte, so blieb doch die Jammerbase getreulich bei der Müllerin, bis die Magd den Kopf zur Tür hereinstreckte: "Wisset Ihr's schon?" - "Was? Was?" - "Mit's Stadtpflegers und 's Akzisors hat's Händel geben, jetzt ist d' Brautschaft wieder ausgegangen mit em Minele und 's Akzisors Sohn." Nun war ihres Bleibens nicht mehr. Nachdem sie der Müllerin noch Vorsicht empfohlen und den herzlichen Wunsch ausge-drückt, daß der Kleine nicht lebenslänglich ein Krüppel bleibe, eilte sie davon, zuerst zu Akzisors, um ihnen ihre Teilnahme zu bezeugen und zu sagen, daß sie von Stadtpflegers immer seien über die Achsel angesehen worden, dann zu Stadtpflegers, wo sie das weinende Minele mit der Ver-sicherung tröstete, daß der Fritz sie von jeher nur um des Geldes willen gewollt habe.

Nach wohlvollbrachtem Tagewerk wollte sie sich eben nach Hause begeben, da begegnete ihr die Frau Kollaboratorin. Diese war eine be-freundete Erscheinung für die Jammerbase, wie wir sie der Kürze halber nennen wollen, zwar ging es ihr leidlich wohl, aber sie hatte sieben eigene Kinder und fünfzehn Kostgänger, da gingen die Drangsale nie ganz aus, und Frau Krauthöfer war gewiß, hier fast immer kurzes Futter für ihren Leidenshunger zu finden, wenn es sonst keine großartige Nahrung dafür gab.

"Wie geht's, Frau Kollaborator?" fragte sie. -
"Recht ordentlich, dank der Nachfrag, aber man ist eben nie ganz fertig, jetzt wäre der Krampfhusten vorbei, nun klagt aber des Amtmanns Fritz von Hausen über Kopfweh." - "Auch Hitze?" fragt begierig Frau Krauthöfer.
"Das eben nicht, ich denke auch, es hat nichts auf sich, doch habe ich ihn zur Fürsorge ins Bett geschickt." - "Haben Sie schon einen Boten an Amtsmann geschickt?" - "Bewahre, was denken Sie, wer wird die Leute so erschrecken? Morgen ist der Bub vielleicht wieder wohl." - "So? Haben Sie nicht gehört, daß in Bezgenried die natürlichen Blattern ausgebrochen sind, und in Stuttgart sei das Scharlachfieber äußerst bösartig. Bei so vielen eigenen und fremden Kindern könnte es doch Pflicht sein, den Buben baldmöglichst fortzuschaffen." - "Er liegt in einem besonderen Stüb-chen", sagte die ängstlich werdende Frau. "Auch ist ja Bezgenried und Stuttgart noch weit von uns, ich muß jedenfalls bis morgen warten, will ihm indessen Tee machen."

Frau Krauthöfer war aber nicht gesonnen zu warten, obgleich bereits der Abend dämmerte; sie ging in eigener Person in der Stadt umher, bis sie einen Kutscher auftrieb, der sie noch nach Hausen führte, denn selbst Geldopfer scheute sie nicht, wenn es galt, beizuspringen. Amtmanns waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen, als sie noch ein Gefährt anfahren und die Glocke ziehen hörten.

"Was ist's ums Himmels willen?" fragte die Amtsmännin erschrocken. Der Amtmann eilte hinab und brachte den späten Gast herauf. Beim Anblick der wohlbekannten langen, dürren Gestalt war die Amtmännin erst betroffen. "Ach, Sie sind's, Frau Krauthöfer, wir haben schon lang nimmer
's Vergnügen gehabt." - "Freilich nicht", erwiderte diese, "seit dem Unglück mit dem armen Paule, der Ihnen beim Waschen an den Ofen gefallen ist; ich, ich hab' damals wohl gedacht, daß das noch des armen Kindes Tod sein werde, eine solche Verletzung gibt eben leicht etwas Zehrendes."

Der Amtmann winkte ihr erschrocken mit der Hand, niemand hatte je diese immer noch blutende Wunde bei seiner Frau berührt. "Was ver-schafft uns denn so spät noch das Vergnügen?" fragte er, um sie zu unterbrechen. - "Ja, ich muß mich recht entschuldigen, aber es ist nur wegen Ihrem Fritz." - "Was ist's mit dem?" fragte die tödlich erschrockene Mutter. - "Drum, sehen Sie! Die natürlichen Blattern sind in der Nähe und auch das bösartige Scharlachfieber, nun hat sich Ihr Fritz an Kopfweh und Hitze gelegt, und so fängt's gerade an. Die Kollaboratorin wollte Sie nichts mehr wissen lassen, ich aber dachte: wozu hat man gute Freunde? - und ließ mich's nicht verdrießen, noch selbst zu kommen." - "Sehr verbun-den", sagte der Amtmann. Da ihm bei näherem Befragen die Sache minder gefährlich schien, so entschied er, daß für den angenehmen Gast ein Bett aufgemacht und auf den nächsten Morgen ein großes Gefährt bestellt wurde, um im Notfall den Knaben heimzunehmen. Aber siehe da, wie sie gegen die Schulpforte fuhren, kam ihnen der Fritz mit roten Backen und mit einem kolossalen Stück Brot entgegen, das seine Wieder-herstellung unzweifelhaft bestätigte.

Das Amtshaus behielt auf lange Ruhe vor der Jammerbase, die dem Fritz seine rasche Genesung nie verzeihen konnte.

Die Jammerbase fühlte sich nicht nur von wirklichem Jammer angezogen, sie witterte oft auch Unglück zum voraus, und der Pfarrer zu Glockenheim behauptet noch bis auf den heutigen Tag, der große Brand in seinem Ort wäre gar nicht ausgebrochen, wenn nicht tags zuvor die Jammerbase wegen eines angeblichen Obsteinkaufs im Dorf und auch im Pfarrhaus gewesen wäre.

Heute saß die Pfarrfamilie vergnüglich beim Kaffee, es war stürmisches Wetter, darum hatte die Mama diesen Luxus gestattet, man sprach von den entfernten Kindern des Hauses, man freute sich der nahen; der Pfarrer sah nach dem Wetter und sah erschrocken vom Fenster zurück.
"Was ist's?" fragte die Mutter. "Die Krauthöferin marschiert aufs Haus zu", sagte der Pfarrer schreckensbleich, "was wird's aber geben?" Die Mama ging mit stiller Fassung der Gefürchteten entgegen, bedauerte sie wegen des schlimmen Wetters, nötigte sie zum Kaffee und entschuldigte, daß sie keine Wecken oder Milchbrot im Ort bekommen könne. "Oh, wir haben herrliches Hausbrot", fiel das unverschämt lustige Julchen ein, "unser Brot schmeckt besser als anderer Leute Gugelhopfen." -
"Jungfer Tochter haben einen glücklichen Geschmack", meinte Frau Kraut-höfer etwas spitzig. - "Das hat sie, Gott sei Dank", sagte der Pfarrer mit vollem Ernst, "Gott erhalte ihr ihn." Frau Krauthöfer trank, und die gewitter-schwere Wolke hing noch über den Häuptern der Familie. "Haben Sie Nachricht von Ihrer Amalie und Sophie aus der letzten Zeit?" hub sie endlich an. "Recht gute, gottlob", sagte die Pfarrerin, "Amalie fühlt sich recht glücklich in ihrer Stelle, alle Lehrer und Mitlehrerinnen kommen ihr mit Liebe zuvor, der christliche Geist der Anstalt tut ihr so wohl, auch die Kleine schreibt vergnügt und hat das beste Lob, ein rechtes Glück, daß die zwei Mädchen so beisammen sind." - "Freilich wohl", stimmte der un-heilvolle Gast zögernd ein, "aber - von wann sind die letzten Briefe?" - "Vom vergangenen Dienstag", sagte die Pfarrerin beklommen. - "Ja, ist schon so, es kann vor Abend anders werden, als es am Morgen mit uns war!" seufzte der Gast wieder. - "Um Gottes willen, wissen Sie etwas von meinen Kindern?" - "Oh, beruhigen Sie sich, ist nichts so Schlimmes, nur ist das ganze Mägdeinstitut zu K. durch zwei Mägde mit der Krätze an-gesteckt worden. Da nun Ihre Töchter in den nächsten Tagen krank nach Hause kommen werden, wollte ich meine Mine zur Pflege anbieten, sie versteht die Kur mit der grünen Salbe und fürchtet die Ansteckung nicht, in einem Pfarrhaus muß man doch doppelt vorsichtig sein wegen der Ge-meinde."

Die Pfarrerin war so verärgert, daß sie kaum imstande war, für dies großmütige Anerbieten zu danken. Die Krätze in ihr Haus, das ein Muster der Ordnung und Reinlichkeit war, und ihre blühenden Mädchen! Dem boshaften Julchen fiel ein, wie der lästige Gast bald zu entfernen wäre.
"Wissen Sie denn schon, Frau Krauthöfer", fing sie ernsthaft an, "daß das Schiff untergegangen ist, mit dem Schulmeister Martin fortging?" -"Was, ist's möglich?" - "Freilich an der englischen Küste." - "Wissen's die Eltern schon?" - "Das weiß ich nicht, ich bin noch nicht hinübergekommen."
Da packte Frau Krauthöfer auf, wickelte sich in ihren braungrauen Schal, ergriff den ehrwürdigen Regenschirm von Kannefas und empfahl sich. Julchen wollte sich kranklachen, als sie fort war. "Die hab' ich glücklich weggebracht!" rief sie triumphierend. "Und du kannst noch lachen!" sagte die Pfarrerin vorwurfsvoll. "Und ich glaub's noch nicht mit der Krätze", be-hauptete Julchen. "Der alte Wehvogel krächzt oft zum voraus," - "Und schickst sie Schulmeisters, daß sie auch noch in Jammer kommen!" - "Der Schulmeister hat ja schon einen Brief von seinem Martin, in dem er ihm schreibt, daß er glücklich durchgekommen ist und gar nichts verloren hat bei dem Schiffbruch; das wird sie ärgern!"

Die Pfarrerin war doch nicht ruhig, sie wollte gleich selbst hinreisen und ihre armen Kinder holen, der Pfarrer aber beschwichtigte sie mit einem Expreßboten, den er absandte. Der brachte Nachricht von Amalie, daß allerdings eine Magd von daheim mit der Krankheit gekommen sei, man habe es sogleich entdeckt und sie zu guter Zeit ohne Gefahr für das Insti-tut entfernt.

Frau Krauthöfer kam so schnell nicht wieder ins Pfarrhaus, zumal da Julchen die Unverschämtheit so weit trieb, die glückliche Braut eines reichen Gutsbesitzers zu werden, und ihre Brautvisite machte.

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Ottilie_Wildermuth




 
   
     
   
     
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