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  Tante Frieda
 

von Ludwig Thoma (1867-1921)

Meine Mutter sagte: "Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin!"
Und da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und von meinem Talent redete.
Und Ännchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es schmecke ihr nicht mehr, und wir würden schon sehen, daß die Tante den Amtsrichter beleidige und daß alles schlecht gehe.
"Warum hast du sie eingeladen?" fragte sie.
"Ich hab' sie doch gar nicht eingeladen", sagte meine Mutter, "sie kommt doch immer ganz von selber."
"Man muß sie hinausschmeißen", sagte ich.
"Du sollst nicht so unanständig reden", sagte meine Mutter, "du mußt denken, daß sie die Schwester von deinem verstorbenen Papa ist. Und überhaupt bist du zu jung."
"Aber wenn ihr sie doch gar nicht mögt", habe ich gesagt, "und wenn sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Ännchen nicht heiratet, und sie freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt."
Da hat Ännchen mich angeschrien: "Er schielt doch gar nicht, du frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe in die Welt und nehme eine Stellung."
Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: "Aber Kindchen, du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorübergehen."

Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt: "Ännchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute Verdruß." - Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausge-stiegen und hat geschrien: "Ach Gott! Ach Gott! Da seid ihr ja alle! Oh, wie ich mich freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!"

Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehöre ihr, und der Koffer unter dem Sitz gehöre ihr, und die Tasche oben gehöre auch ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. - Ein Mann hat ihr alles herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der Koffer sei zu schwer, ich könne ihn nicht tragen. "Ännchen hilft dir schon", hat sie gesagt, "ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen trage ich selber." Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat sie geküßt und hat gerufen: "Ich bin froh, daß ich dich gesund sehe, ich habe oft so Angst wegen deinem Herzleiden, aber gib acht, daß du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht vertragen."

Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es sei vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener trage, aber die Tante hat gesagt: "Nein, ich gebe es nicht zu, daß du Auslagen hast; die Kinder werden schon fertig damit."
Ännchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war. Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er hat den Koffer genommen.
Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es sei ihr nicht recht, daß wir Auslagen hätten, und sie habe nicht gedacht,daß Ännchen so schwächlich sei. Aber es falle ihr ein, daß sie schon als Kind zart gewe-sen sei.
Vielleicht habe sie etwas geerbt von dem Herzleiden meiner Mutter.
"Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund", hat meine Mutter gesagt, "und der Arzt findet nichts mehr." - "Ja, die Ärzte!" hat die Tante gerufen. "Bei mei-nem armen Josef haben sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem nicht sagen."

Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Ännchen zu mir gewispert: "Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganzen Ferien."
"Das glaube ich nicht", habe ich gesagt. "Wenn sie bleiben möchte, finde ich schon etwas, daß sie geht."
Da hat Ännchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer unglück-lich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie gelacht und hat gefragt: "Was willst du denn machen?"
Ich habe gesagt: "Das weiß ich nicht. Vielleicht mache ich einen Speiteufel im Käfig des Papageis, oder ich rupfe ihn, daß er nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert."
Ännchen hat gewispert: "Wenn du etwas findest, daß sie geht, schenke ich dir zwei Mark."
"Das ist recht", habe ich gesagt. "Aber du mußt mir zuerst eine Mark geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß." Sie hat mir auch eine Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.

Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.

Im Hausgang hat die Tante gesagt: "In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie hübsch es ist bei dir! Du hast ja einen Kokosläufer da!"
Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt sei und daß sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft habe.
"Das Meter kostet gewiß vier Mark", hat die Tante gesagt. "Man kriegt schon für eine Mark fünfzig recht schöne Läufer."

Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und zu dem Papagei gesagt: "So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon gefallen." Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat ihn gelockt: "Su su! Wo ist das schöne Lorchen?" Und der Papagei hat den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.
Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Äpfel oder eine Torte geschenkt hätte. Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte: Ob er auch so herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße? Und ich dachte: Wie wird er aussehen, wenn eine Stranitze voll Pulver bei seinem Käfig losgeht.
Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich dachte, denn sie hat sich umgedreht und hat gesagt: "Daß du mir artig gegen Lorchen bist, du Laus-bube!"
Da habe ich gesagt: "Ja, liebe Tante." Und ich habe mich auch hinge-stellt, und habe gerufen: "Lorchen! Wo bist du?"
Aber der Papagei rückte gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er schon wüßte, daß ich ihm bald Pulver geben würde.
Ich ging hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das Wohn-zimmer gegangen.
Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun müßte, und ich lief ganz schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen Mund voll Wasser genommen. Dann ging ich zum Käfig, und der Papagei ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn ge-spritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln geschlagen hat.
Dann lief ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen gehe.
Die Tante hat gesagt, sie müsse sehr sparsam sein, weil sie so wenig Pension habe und kein Geld. Sie würde jetzt sehr froh sein, wenn sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Josef habe nichts gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht habe und in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen sei.
Und von daheim habe sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert hätten und so viel gebraucht hätten.
Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel gebraucht habe.
"Woher weißt du das?" hat die Tante gefragt. "Er hat es mir oft erzählt", hat meine Mutter gesagt. "Er hat Stunden gegeben auf dem Schimna-sium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem jungen Baron Stunde gegeben."
"Das hat er bloß so gesagt", hat die Tante geantwortet und hat ein großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden, und sie hat ihre Haube auf den Haaren fester gesteckt und hat gesagt: "Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben keine Unwahrheit geredet."
Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. "Wenn er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern haben es büßen müssen, weil kein Vermögen da war und keine was mit-kriegte."
"Warum redest du immer solche Sachen?" hat meine Mutter gefragt.
"Ich meine ja bloß", hat sie gesagt, "und weil es wahr ist. Zum Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt Regierungs-rat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas dagewesen wäre, aber so natürlich hab' ich bloß einen Postexpeditor gekriegt."
"Du bist doch glücklich gewesen mit deinem Josef!" hat meine Mutter gesagt.
"Gott hab ihn selig!" hat die Tante gerufen. "Wir sind recht glücklich gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten."
Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heut das Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen spa-nischen Nebel spritze.
Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist, und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.

Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.
Unter dem Hisrchgeweih hängt das Bild von meinem Vater, wie er Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er habe so ausgesehen, wie sie ihn zuerst erblickt habe. Da hätten sie einen Fackelzug gemacht, und mein Vater sei vorangegangen. - Die Tante hat das Bild angeschaut und hat wieder gesagt: "Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele Geld ge-braucht hat!"
Dann stand sie bei der Kommode. Da hat Ännchen die Fotografie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat es gleich gesehen und mich gefragt: "Wer ist denn das?" Ich habe gesagt, das sei unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: "Wer ist unser Amtsrichter?"
Ich habe gesagt, der, der immer zum Kaffee komme, und er heiße Doktor Steinberger. Da hat sie das Bild genommen und gesagt, soso, aber er gefalle ihr gar nicht, er habe schon so wenig Haare und er schiele ziemlich stark, und das Gesicht sei so dick, als wenn er gerne trinke.
Ich mag den Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich solle gegen meine Schwester anständig sein, oder er nehme mich einmal bei den Ohren.
Und ich mache Ännchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie. Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie auch etwas gegen unseren Vater gewußt hat.
Ich habe gedacht: Ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer hinaus-laufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe gedacht: Ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.
Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand gegeben und hat gesagt, sie habe sich vorher ein bißchen geärgert, aber sie wisse, daß es vielleicht nicht recht war, und es sei vorbei.
Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich nicht ärgern dürfe, wenn man die Wahrheit höre. Sie ist furchtbar gemein. Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: "Wo gehst du denn hin, Ludwig? Wir essen gleich." Ich habe gesagt, ich muß ge-schwind ein unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.
Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das sei recht, und man müsse immer gleich tun, was man sich vornimmt.
Und zur Tante hat sie gesagt: "Weißt du, Frieda, ich glaube, unser Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vor-wärtskommt." Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange gehupft und in die Ecke gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser voll gemacht und bin zu ihm gegangen und habe ihn zweimal angespritzt, daß es von seinen Flügeln getropft hat.
Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn ich durch die Finger pfeife, und er hat Geschrien: "Lora!"
Da lief ich geschwind hinaus in mein Zimmer und habe ein Buch genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist.
Die Tante ist schnell gegangen und hat gesagt: "Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft."
Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem Zimmer geschrien: "Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!"
Und sie hat meine Mutter gerufen, sie solle hergehen und solle es an-schauen, wie das Lorchen patschnaß sei, und das könne niemand gewesen sein als der nichtsnutzige Lausbub. Das bin ich.
Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich hin gemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.
Da hat sie gesagt: "Ludwig, hast du den Papagei naßgemacht?"
Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.
"Was für einen Papagei?" habe ich gefragt.
"Der Tante ihren Papagei", hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt ge-wesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles sei, und ich hätte doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich könne es jetzt, und auf einmal solle ich einen Papagei naßgemacht haben.
Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: "Wer ist es denn sonst?" Ich habe gesagt, das wisse ich nicht, vielleicht sei es der Schreiner Michel gewesen, der habe eine Holzspritze und könne furchtbar weit spritzen damit.
Die Tante hat gesagt, ich solle mitgehen, sie müsse es untersuchen, und meine Mutter ist auch mitgegangen.
Wie wir in das Zimmer gekommen sind, hat der Papagei gleich den Kopf unter die Flügel gesteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine Augen gerollt.
Die Tante hat geschrien: "Siehst du, er ist es gewesen! Mein Lorchen ist so klug!"
Meine Mutter hat gesagt: "Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum studiert hat!"
"Du glaubst immer deinen Kindern", hat die Tante gesagt. "Davon kommt es, daß sie so werden."
Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaubte, daß der Michel vom Gartenzaun herübergespritzt habe, weil das Fenster offen sei. Die Tante hat gesagt, es sei viel zu weit und viel zu hoch und dann müsse man es doch am Fenster sehen, und das Fenster sei kein bißchen naß.
Ich sagte, der Michel könne furchtbar gut zielen, und ich sei es einmal nicht gewesen.
Da hat Ännchen gerufen, daß wir zum Essen kommen sollten, die Suppe stände schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.
Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt, und die Tante hat gesagt: "Mein Lorchen muß keine Angst haben. Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naßmachen." Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch furchtbar angeschaut.
Aber ich habe gedacht: Er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver losgeht.
Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es bemerkt, weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so schnell die Suppe gerührt hat.
Meine Mutter hat gesagt, sie solle sich die Freude von der Ankunft nicht verderben lassen.
Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude habe, wenn man ihr erst bös sei, weil sie die Wahrheit rede, und wenn man ein hilfloses Tier in den Tod treibe.
"Aber Frieda!" hat meine Mutter gesagt. "Er ist doch bloß naßgemacht!" Und Ännchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden könne.
Da hat die Tante gesagt, sie wundere sich gar nicht, daß wir alle so feindselig seien, weil sie es schon gewohnt sei und weil schon ihre Brüder so gewesen seien und doch das ganze Geld verbraucht hätten.
So hat so getan, als wenn sie weinen müßte, und sie hat sich die Augen gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich gesehen.
Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa sei, und sie solle glauben, daß sie auch bei uns daheim sei.
Da hat die Tante gesagt, sie wolle uns diesmal verzeihen, und sie wolle nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles getan habe.
Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war, hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom Stein-berger war, und sie hat gefragt: "Was ist das für ein häßlicher Mensch?"
"Wo?" hat meine Mutter gefragt. - "Der dort auf der Kommode", hat sie gesagt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Ännchen ist aufgesprungen und ist hinausgelaufen, und man hat durch die Tür gehört, daß sie heulte.
Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der Steinberger oft zu uns komme und daß er gar nicht häßlich sei.
"Er hat aber eine Glatze", hat meine Tante gesagt. "Und er schielt mit dem linken Auge."
"Er schielt nicht", hat meine Mutter gesagt, "es ist bloß eine schlechte Fotografie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn kennt, weil er so tüchtig ist."
Die Tante hat gesagt, sie wolle nicht, daß es in der Familie einen Streit gebe wegen einem fremden Menschen, aber sie habe nicht gedacht, daß er tüchtig sei, weil er so aussehe, als ob er das Bier gern möge.
Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen-geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen habe, bei diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es sei furchtbar schwer.
Auf dem Gange hat sie mit Ännchen gesprochen; das hat man hereinge-hört, und Ännchen hat immer lauter geweint.
Die Tante hat mit dem Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern müßte.
Sie hat mich gefragt, ob Ännchen schon lange so krank sei. "Sie ist gar nicht krank", sagte ich.
"Das verstehst du nicht", hat sie gesagt. "Deine Schwester ist sehr leidend mit kaputten Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen Koffer getragen."
Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee komme und sie bitte die Tante, daß sie höflich sei.
Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaube, daß sie nicht fein sei, weil sie einen Postexpeditor geheiratet habe, und sie wisse schon, wie man sich benehme, und ein Amtsrichter sei auch nicht viel mehr als ein Expeditor.
Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon aufgehe, und hat gewispert, die Tante solle nicht schreien, er sei schon auf der Treppe, und sie habe es doch nicht so gemeint, sondern weil die Tante geglaubt habe, daß er häßlich sei.
Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat lauter gesagt: "Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt."
Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger ist hereingekommen und Ännchen auch, und ihre Augen waren noch rot.
Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich gelacht und hat gesagt: "Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich Ihnen schon erzählt habe."
Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen müßte.
Und dann hat der Steigenberger gesagt, es freue ihn, daß er die Tante kennenlerne, und er hoffe, daß es ihr hier gefalle. Und sie hat gesagt, sie hoffe es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt werde, gefalle es ihr gewiß.
Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Ännchen angeschaut hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen habe.
Ännchen sagte, daß der Herd so furchtbar rauche, und meine Mutter hat gesagt, daß man den Herd richten müsse. Und die Tante hat gesagt, daß Ännchen überhaupt nicht kochen solle, mit so schwachen Nerven, und weil sie kränklich sei.
Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat gefragt: "Was weißt du von Nerven? Ännchen ist gottlob das gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die ganze Arbeit im Haus."
Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser wisse, und dann haben wir uns hingesetzt, und Ännchen ging hinaus, um den Kaffee zu kochen.
Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebe, und sie hat gesagt, sie wohne in Erding, weil es so billig sei und sie so wenig Pension habe, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach gewesen sei, und er hat gesagt, ja, er sei dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob der den Regierungsrat Römer nicht kenne, und wie er gesagt hat, nein, er kenne ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern müsse, weil er doch so bekannt sei. Der Steinberger hat gesagt, er sei bloß durchgefahren in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann sei es nicht möglich, daß er die Beamten kenne.
Aber die Tante hat gesagt, der Römer sei ein hoher Beamter und komme gleich nach dem Präsidenten, da müsse man ihn doch kennen. Und sie hat erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein müsse, aber es sei nicht gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie sei, wo die Söhne studiert hätten. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Ännchen hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ging sie nicht hinaus.
Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind etwas gesagt hätte, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die Tante gefragt, wie es dem Förster Maier gehe und ob seine Frau gesund sei, und wo die Kinder seien, und ob er noch den schönen Hühnerhund habe; da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.
Da ist der Steigenberger aufgestanden und hat gesagt, er will nach-schauen, ob der Herd noch rauche.
Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt, er sei immer so aufmerksam.
Die Tante hat gesagt, sie wisse nicht, die Fotografie komme ihr geschmei-chelt vor, weil er noch stärker schiele in der Wirklichkeit.
Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante gar nichts mehr gefragt über dem Förster Maier seinen Hühnerhund und seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.
Und dann ist Ännchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und der Steinberger ist hinter ihr hergegangen und hat gefragt, ob er nicht helfen könne.
Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn der Steinberger etwas gesagt hat, und Ännchen hat gelacht, aber die Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.
Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmecke, und sie hat gesagt, sie wisse es nicht, weil es so ungewohnt sei, denn sie könne mit ihrer Pension keinen Bohnenkaffee kaufen.
Da hat der Steinberger gesagt, das sei schade, denn der Kaffee sei das Beste, was es gibt, besonders, wenn ihn Fräulein Ännchen koche.
Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht habe, und er hat gesagt, ja. Da hat sie gelacht und gesagt, das könne sie gar nicht glauben, weil die Studenten so gern Bier tränken.
Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken habe, weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.
Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaube es einmal nicht.
"Warum glaubst du es nicht?" hat meine Mutter gesagt. "Es gibt doch viele Studenten, die kein Bier trinken, und der Herr Amtsrichter hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Geld sparen."
"Das weiß man schon, wie die Studenten sparen", hat die Tante gesagt. "Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studier-ten. Und der Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal recht lustig."
Ännchen hat gerufen: "Aber Tante!" Und meine Mutter hat gerufen: "Aber Frieda!" Und sie hat gesagt: "Was habt ihr denn? Ich meine es im Spaß, und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht lustig ist und gerne ein bißchen trinkt."
Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und hat gesagt, daß er oft in diesem Verdachte stehe, aber er sei einmal krank gewesen, und da seien ihm die Haare weggekommen.
Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei mußtem und er hat meine Mutter auf die Hand geküßt, hat vor der Tante eine Verneigung ge-macht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: "Sei recht brav, wenn du es fertigbringst, du Schlingel!"
Ännchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen sind, hat meine Mutter gesagt: "Frieda, es ist schrecklich mit dir! Wenn er be-leidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit dir."
Und da ist auch Ännchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee hingefallen und hat geheult und hat gesagt, daß der Steinberger nie mehr zum Kaffee komme, und er sei viel schneller fort als sonst.
Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie habe noch keine Familie gesehen mit so kaputten Nerven, und sie müsse sich wundern, wo das herkomme.
Da habe ich gedacht: Ich will schon machen, daß sie auch heult, und lief geschwind hinaus.
In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft sprengen mußte.
Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur hineinge-steckt, und dann ging ich ins Zimmer der Tante und habe alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf Minuten brannte, und sie hing heraus.
Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei ganz oben hinaufgeklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat gefaucht wie eine Katze.
Ich lief noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand komme, es ist aber ganz still gewesen.
Da ging ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei hat jetzt auf der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und Obacht gege-ben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat hinuntergeschaut, warum es rauchte.
Ich dachte: Er wird es schon noch merken! - und lief geschwind fort, aber wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und trat ganz ruhig ein, als wenn nichts wäre.
Ännchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht ge-merkt, daß ich fort war.
Die Tante hat gerade gesagt, sie wisse schon, daß man sie in unserer Familie nicht leiden könne, aber das sei immer der Dank von den Brüdern, wenn sie fertig seien und das ganze Geld gebraucht hätten, dann kümmerten sie sich nicht mehr um die Schwestern.
Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert habe um sie und daß er oft gesagt habe, es tue ihm leid, wenn die Frieda nirgends bleiben könne wegen ihrem bösen Mundwerk.
Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat geschrien: "Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man es mit seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann ... "
"Pff-umm!"
Es hat einen dumpfen Knall gemacht, und das Küchenmädchen hat gleich furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang ist voll Rauch gewesen.
Ich hatte vergessen, die Zimmertür der Tante zuzumachen. Das Mädchen hat gerufen, es sei was losgegangen, es glaube, es brenne.
"Wo? Wo?" hat Ännchen geschrien. "Um Gottes willen, wo ist die Feuer-wehr?" hat meine Mutter geschrien. Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus dem Zimmer der Tante kam, und die Tante lief hinein, und da hat sie geschrien, als ob sie auf dem Spieß stecke. "Um Gottes willen, was ist jetzt?" hat meine Mutter gesagt, und es ist ihr schwach geworden, daß sie nicht weitergegangen ist. Ich habe gesagt, ich wolle ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.
Ännchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: "Sei ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!" Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:"Was sagst, es sei bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches Ding!"
"Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt", sagte Ännchen.
"Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt, es sei bloß der Papagei! Du rohes Ding!" schrie die Tante.
"So sei doch ruhig, Frieda!" hat meine Mutter gesagt. "Vielleicht ist es nicht so arg."
"Ihr helft alle zusammen!" schrie die Tante, und dann ist sie gegen mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: "Du bist der Mörder! Du bist der ruchlose Mörder!"
"Schimpfe ihn nicht so!" hat meine Mutter gesagt. "Er ist ganz unschul-dig; er ist doch im Zimmer gewesen."
Ich sagte, ich sei es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld gebe, aber es sei mir zu dumm, und ich sagte gar nichts. Ich wisse noch gar nicht, was geschehen sei.
"Du weißt es schon!" schrie die Tante. " Du hast es getan, und sonst hat es niemand getan. Aber du mußt gestraft werden, wenn auch deine Mutter auf den Knien bittet!"
"Ich bitte dich gar nichts, Frieda, als daß du nicht so schreist", hat meine Mutter gesagt. Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon beim Fenster hinaus, aber es hat doch noch nach Pul-ver gerochen und nach verbrannten Federn.
Der Papagei saß auf dem Boden des Käfigs, aber er war nicht mehr grün und rot, er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern waren verbrannt und struppig und standen auseinander. Der Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind so groß gewesen wie von einer Eule. Er saß ganz still und hat mich angeschaut. Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist. "Er lebt doch!" hat meine Mutter gesagt. "Er wird schon wieder gesund werden."
"In diesem Hause nicht!" hat die Tante geschrien. "In diesem abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag mehr! Ich gehe heute noch fort!"
Und sie ist auch fortgegangen.

 




 
   
     
   
     
      © by Nora Runge - Alle Rechte vorbehalten