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  Philosophie des Umzuges


 

von Rudolf Presber (1868-1935)

Ich bin neulich umgezogen. (bei dieser Gelegenheit danke ich für Ihr Beileid.) So um elf Uhr machten die Möbelträger Frühstückspause. Es roch angenehm nach Käse. Aber ein frischer Windzug brachte den Käseduft in Bewegung, denn eine Fensterscheibe war kaputt.

Auf einer Kiste in dem Zimmer, das, so Gott will, einmal mein Arbeits-zimmer werden soll, saß der dickste, schweißbeperlteste Träger sorglos und froh. Es war, als ob seine schwere Arbeit so weit hinter ihm lag wie sein letzter Rasiertag.

"Sagen Sie", begann der Dicke die Konversation, nachdem er sich aus einer Bouteille gestärkt hatte, "sagen Se mal, sin da egal Bücher in die Kisten?"
"In diesen hier, ja."
"Un die Bücher ham Se alle jelesen?"
"Nun - sagen wir, die meisten."
"Un nu wissen Se all det Zeugs, wat da in die Kisten - wollte sagen, wat da in die Bücher drinne steht?"
"Nein, nein", wehrte ich bescheiden ab. "Man vergißt doch so vieles wieder."
"So. Nun sagen Se bloß, warum lesen so Leute wie Sie, wo Se's doch jar nich nötich ham, so ville Jedrucktes, wenn Se's nachher doch wieder va-jessen!?"
"Hm. Manches bleibt doch wohl hängen, nicht wahr."
"Ja, det is nu so, denk ick mir - wie wenn man jejen de Wand spuckt."
"So ungefähr."
Nachdem wir in dieser einleuchtenden Weise festgestellt hatten, was eigentlich Lektüre und ihr Nutzen heißt, enstand eine Gesprächspause. Nach einer Weile eröffnete der Möbelträger wieder die Konversation.
"Die Bilder, sagen Se mal, die wir alle ruffjeschleppt ham, det sin voll lauter Verwandte?"
"Ja, die meisten. Viele sind schon lange tot."
"Det jeschieht ihnen recht! Pardon. Ick wollte sagen: Friede ihrer Asche! Aber warum hängen Se sich denn allsowat in de Stuben. Schön sin doch de meisten nich. Un doot sin se ooch und können nicht mehr rescher-schieren kommen: Wo haste mir uffjehängt?"
"Ja, lieber Mann, das ist nun gewissermaßen Pietät."
"Sehn Se, de hab ick mir jedacht! Wenn unsereener wat nich vasteht - denn is et allemal een Fremdwort. Wat er denn ooch nich vasteht. Aber strappazieren Se sich nur nich. Ick brauche die ollen Männerchens mit die Vatermörder nich alle Tage zu sehn. Un de Schlimmsten sin de übrijens noch lange nich!"
"Wie meinen Sie das?"
"Na, ick sagen Ihnen - wat unsereener schon vor Verwandte treppab, trepp-uff jeschleppt hat - also, schlecht kann een dabei weren" Denn sehn Se, der, wo mit so wat verwandt is, der hat sich ja schließlich dran jewöhnt. Aber wat jehn mir alle der Verwandten an? Hab ick nich recht?"
Er hatte recht. Aber es lag schließlich in seinem Beruf, daß er fremde Verwandte die Treppen hinauf und hinunter trug.
"Da drüben übrijens, da über dem drekijen Pult - det müssen Se mal po-lieren lassen - da is'n Frauenzimmerchen in dem joldnen Rahmen!"
"Ja, das ist eine Kopie."
"Na, det se<#s nich selber is, det seh ick doch ooch!" zürnte der Dicke. "Is det nu ooch' ne Verandte?"
"Nein, nein, das ist eine Römerin. Die Römerin von Sebastiano del Piombo."
"Römerin? Von seit weit her! Un adlig? Na, det sieht man. Se hat so wat. Man scheniert sich ordentlich, Käsestullen zu essen, wenn se so runter-kiekt. Sehn Se, det Mädchen jefällt mir nu! Und der, wo se jemalt hat, also - wenn meine Olle keen solchen Blähals hätte un nich so wenich Haare um de Balchjeschwulst uffm Hinterkopp und nich so ville Warzen int Jesicht - also, wenn ick Jeld hätte und Platz über de Kommode zum Uffhängen -, also, vastehn Se, von dem da tät ick meine Olle malen lassen. Det sagen Se mal dem Künstler!"
"Möcht' ich gern. Aber er ist schon lange tot."
"Sehn Se! Also, welche, die wat können, sin allemal doot. Ick habe erst jeglaubt, det Mädchen da übern Pult is ne Heilje. Se sin woll nich jüdisch?"
"Nein, ich bin evangelisch."
"Sehn Se, hab mir jleich jedacht. Wat de jüdischen Herrschaften sin, die ziehn immer mit so ville Helje um. Un wat die Christlich sin, die ham mehr so Bilderchen, wo wat zu essen druff jemalt is."
"Sie meinen Stilleben?"
"Nu, still leben se nu ooch nich. Beim Umzug schon jar nich! Iber irjendee Dreck jeht der Zank und Stunk los. Iber Schlüssel von Schließkorb oder so: 'Du hast'n doch verpackt' - oder: 'Du hast geschlossen mit dem Schlüssel' - 'Du verschlampst doch allens' - 'Det verbitt ick mir! - Wer hat vorjien November die Handtasche verlorn und im Januar den Pelz-kragen? ...' Und so. Ick sage Ihnen: je kleener der Schlüssel, je jrößer der Krach! Na, und schließlich wofür? Sehn Se da aus'm Fenster - da drüben det Kuppeldach?"
"Ja, was ist das? Die Gasanstalt?"
"Jaßanstalt - is jut!" Der Dicke hielt sich den Bauch vor Lachen. "Det heeßt, eejentlich is et de Krematorium. Se lassen sich doch ooch vabrennen?"
"Ja, allerdings, ich habe das vor. Aber ..."
"Vabrennen, sehn Se, da spar ich schonst davor. Det is reinlicher als de dreckije Einbuddelei. Un jesünder soll et ooch sind."
"Wie kommen Sie denn auf dieses üble Thema?"
"Na, ick sage Ihnen doch, wat Se da so deutlich sehn von Ihre neue Wohnung aus, det is doch de Krematorium. Immer vor Ihre Neese. Weit ham Se's nich. - Na, un nu wolln wir mal wieder an de Arbeet. Immer los! Mit Schmiß un Kraft! Un mit de Aussicht uffs Krematorium!"

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Presber




 
   
     
   
     
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