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  Wien
 

von Egon Friedell (1878-1938)

Als Ulrich, der Erbonkel meines Freundes Meier, eines Morgens erwachen wollte, gelang es ihm nicht. Seine Umgebung schloß daraus, daß er tot sei, und ich erhielt den Auftrag, Meier mit dieser Tatsache möglichst schonend bekannt zu machen. Das war um acht Uhr früh. Ich dachte mir nun die Sache so: Ich werde Meier, der vor der Stadt wohnt, ganz nonchalant antelefonieren, ihn bitten, mich zu besuchen, und ihm dann die Sache vorsichtig einlöffeln.

Ich betratzu disem Zweck ein Café und bestellte pro forma eine Schale jenes Getränks, das man in Wien "Melange" nennt, von dem aber noch niemand herausgebracht hat, aus welchen Chemikalien es gemischt ist. Dann fragte ich nach dem Telefonzimmer. Ich erhielt folgende Antwort:
"Glei am Schank links übri, dann biegens Ihna halbrechts, dann durchn Gang, der Ihna entgegenschaut, dann schief gradaus, nacher drahns Ihna, und dann quer links übern Hof." In der Tat gelang es mir denn auch, in kaum einer halben Stunde das Telefonzimmer zu finden. Ich läutete an.
"Hallo!" - "Bitte, Fräulein, Nummer eintausendsiebenhundertzweiunddreißig." - "Wie bitte?" - "Eintausendsiebenhundertzweiunddreißig." - "Wie bitte?" - "Eintausend-siebenhundertzweiunddreißig." - "Ich versteh' kein Wort." - "Eintausend-siebenhundertzweiunddreißig." - "Eintausendachthundertneunund-zwanzig?" - "Eintausendsiebenhundertzweiunddreißig." - "Eintausend-siebenhundertzweiunddreißig?" - "Jawohl." Nach einer Viertelstunde sagte etwas ins Telefon: "Was? Sie wollen Saldo-Rimessen? Seit wann hamm wir Saldo-Rimessen? Mir hamm doch aufrechten Trattenverkehr!" - Ich läu-tete ab. Ich läutete an. Ich läutete noch sehr oft an.

Ich rief den Pikkolo. Der Pikkolo läutete.
Ich rief den Marqueur. Der Marqueur läutete.
Ich rief die Kassiererin. Die Kassiererin läutete.
Ich rief den Wirt. Ich rief den Hausherrn. Ich rief den Redakteur vom "Frem-denblatt". Alle läuteten. Niemand meldete sich.
Infolgedessen beschloß ich, wegzugehen und es irgendwoanders zu versuchen. Zu diesem Zweck versuchte ich, zu zahlen. Ein Kellner, den ich anrief, sagte gereizt: "Bitte, bin kein Zahlkellner."
Ein zweiter Kellner, den ich anrief, sah mich erstaunt an und sagte in einem Ton, als ob er mich für gesiteskrank hielte: "Ist nicht mein Revier."
Ein dritter Kellner, den ich anrief, nickte hastig mit dem Kopf, verschwand fluchtartig in der Küche und kam nie mehr wieder. Ich legte daher einen Gulden auf den Tisch und verließ das Lokal. Im Hinausgehen bemerkte ich noch, wie der Pikkolo den Gulden einsteckte und sich tief gegen mich verneigte.

Ich betrat ein zweites Café. Es gelang mir auch dort, die Telefonkammer zu finden, aber als ich sie öffnete, hatte ich den Eindruck einer Gruben-katastrophe. Mehrere Männer standen oder hockten in dem engen dunklen Raum und schwangen Windlichter, Spaten, Röhren und ähnliche Instrumente. Gleichzeitig schlug mir der Geruch einer scharfen Säure ent-gegen. Der Wirt, den ich um den Sinn dieser geheimnisvollen Gebärden befragte, erklärte mir, der Installateur sei da.

Infolgedessen betrat ich ein drittes Café. Dieses Café hatte so wunder-bare, geordnete Zustände, daß ich es anfangs für eine Luftspiegelung hielt. Ich fand nämlich sogleich das Telefonzimmer und konnte es sogleich benützen. Auch die Telefonistin schien ein höheres Wesen zu sein, denn sie verstand die Nummer sogleich richtig, und gleich darauf sagte die Stimme meines Freundes: "Hier Meier. Wer dort?" In diesem Augenblick erhielt ich jedoch einen furchtbaren elektrischen Schlag und stürzte bewußtlos zusammen. Als ich erwachte, war ich auf dem rechten Ohr taub, aber das linke war gänzlich intakt geblieben.

Infolgedessen beschloß ich, auf die ältere Erfindung der Telegrafie zurück-zugreifen. Ich ging auf ein Postamt und fragte den Portier: "Bitte, wo kann man hier Telegramme aufgeben?" - "Teligramme? Dös gibts bei uns gar net." - "Aber erlauben Sie, hier ist doch ein Postamt?"
"Ja, dös schon, aber Teligramme, dös gibts da bei uns net."
"Aber, lieber Freund, es muß doch bei Tag ein Depeschendienst sein!"
"Ah, a Depetschen! Ja, warum ham S' denn dös net glei gsagt? Ja, a De-petschen, dö können S' da glei links aufgeben."
Ich begab mich also nunmehr an einen Schalter, über dem seltsamer- weise "Telegramm-Annahme" stand. Der diensttuende Beamte warf einen geringschätzigen Blick auf das Telegrammformular und ergriff eine neben ihm liegende Wurst, die er zu essen begann. Dazwischen tat er kurze, kräftige Schlucke aus einem Glase Bier. Endlich trat er an den Schalter und sagte:
"Was soll ich denn mit dem Wisch? Das ist ja ein Stadttelegramm. Das kann ich nicht annehmen."
"Wo werden denn Stadttelegramme angenommen?" fragte ich ganz höflich.
"Nur in der Zentrale."
"Bitte, wo ist denn die Zentrale?"
"In Floridsdorf. Übrigens ist hier kein Auskunftsbüro."
Indes hätte nur ein ganz lebensunkundiger Mensch heraus die Konse- quenz gezogen, auf die Zentrtale zu gehen, denn nach Floridsdorf waren es drei Stunden und zu meinem Freunde bloß zwei Stunden.

Infolgedessen sah ich ein, daß von dieser Erfindung auch kein nennenswerter Vorteil zu erhoffen sei, und bestieg die elektrische Straßen-bahn, um zu meinem Freunde zu fahren, das heißt, ich wollte sie bestei-gen. Denn als ich an die Halte kam, standen dort vierzehn Wagen, einer hinter dem andern. Viele berittene Schutzleute sprengten auf Pferden dazwischen umher und erteilten mit napoleonischen Gebärden allerlei ge-heimnisvolle Befehle.

Infolgedessen begab ich mich auf einen Autohalteplatz. Merkwürdigerweise standen dort zwei Automobile, allerdings ohne Chauf-feure. Auf mein lebhaftes Rufen eilten diese jedoch aus dem gegenüber-liegenden Gasthause diensteifrig herbei und befestigten jeder auf seinem Wagen die Tafel "Bestellt".

Infolgedessen begab ich mich zum nächsten Stadtbahnhof. Das Studium des Fahrplans belehrte mich jedoch, daß der nächste Zug erstens in drei-und vierzig Minuten ging und daß er zweitens einen Bogen durch eine Reihe landschaftlich entzückend gelegener Punkte Niederösterreichs be-schrieb, um dann wieder zu seinem Ausgangsort zurückzukehren. Daß er dabei fast lauter Ortschaften berührte, die schon im Nibelungenlied er-wähnt werden, bot mir für meine Absichten keine nennenswerten Vorteile.

Infolgedesseb erwachte in mir ein tiefes Mißtrauen gegen alle neumodi-schen Erfindungen, und ich bestieg einen mit schlichten Pferden bespann-ten Omnibus. Alsbald stieß dieser jedoch auf eine unabsehbare Men-schenmenge. Der Kutscher sprang ab und zündete sich eine Virginia an. Die Passagiere drängten hastig aus dem Wagen und mischten sich unter die Menge. Es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, daß in einer Stunde der Schah von Persien vorbeikommen wolle.

Infolgedessen begab ich mich auf einen Einspännerstandplatz. Die Herren Kutscher begannen mich sogleich zu umschwärmen und eifrig auf mich einzusprechen.
Aber, Herr Baraun, ich kenn Ihna ja eh." - "Was waßt denn du? I führ 'n Herrn Doktor scho zeh Jahr." - "Fahren S' mit mir! I bin der beste Renner vo Wien!"
Ich entschied mich für einen wohlwollend aussehenden älteren Herrn. Nun entwickelte sich eine fieberhafte Tätigkeit. Viele Decken wurden von dem Pferde abgehoben und auf den Bock plaziert, ein riesiger Trog mit Wasser zur Tränkung wurde herbeigetragen, die Räder des Wagens wurden ge-waschen, dem Tier wurde ein Futtersack vorgebunden, und in wenigen Stunden was alles Nötige zur Fahrt vorbereitet. Der Kutscher nahm von seinen Freunden und Kollegen sowie von seinem nächsten Untergebenen, dem "Wasserer", Abschied, brachte seine Schulden beim Wirt und beim "Greißler" in Ordnung, traf noch einige letztwillige Verfügungen und fuhr ab. Wir fuhren und fuhren, bis wir endlich im lieblichen Donaugelände haltmachten.

Dort öffnete der Kutscher den Wagenschlag und sagte: "So, jetzt hätt' i a Fuhr."
"Wie?"
"Ja, i bin jetzt bstellt. I kann Ihna nimmer führn. I hab net gewußt, daß dees so weit is. I hab jetzt a andre Fuhr."
Da er nicht umzustimmen war, sagte ich endlich: "Also scheren Sie sich zum Teufel! Was bekommen Sie?"
"Aber Euer Gnaden wissen ja eh."
"Ich weiß es nicht. Was bekommen Sie?"
"No, was halt recht is."
"Ja, das möchte ich eben von Ihnen erfahren. Was bekommen Sie?"
"No, was halt die Tax is."
"Ja, was ist denn die Taxe?"
"No, Euer Gnaden, mir wern do kan Richter net brauchen."
"Ich frage Sie, was Sie zu bekommen haben!"
"Aber, Euer Gnaden wern si do net herstelln."
Ich griff nun zu jenem Mittel, das ich in solchen Fällen immer anwende: ich gab ihm eine Summe, von der ich ganz bestimmt wußte, daß sie zu klein sei, worauf er mir seine Ansprüche unter unflätigen Beschimpfungen bekanntgab.

Es war jedoch inzwischen neun Uhr geworden, und die Sterne waren aufgegangen. Ich beauftragte daher einen Dienstmann, zu meinem Freunde Meier zu gehen und ihm zu sagen, er möge mich im Lauf des nächsten Vormittags besuchen. Der Dienstmann hörte mir aufmerksam zu. Dann verließ er mich. Ich selbst begab mich erschöpft zu Bette. Um zwei Uhr nachts läutete es an meiner Wohnung. In der Tür stand der Dienstmann und sagte: "Alles in Ordnung. Ich hab' die Dame gleich mitgebracht."




 
   
     
   
     
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