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  Die geistliche Vermahnung


 

von Johannes Gillhoff (1861-1930)

Ohaa, in unseren Kirchen geschahen früher manchmal merkwürdige Sachen! Das war meist, als wir noch im Anfang steckten und weit auseinander wohnten. Aus der Zeit stammt einen Kirchengeschichte, die trug sich in einer Nachbargemeinde zu, so bei zwanzig Meilen West. Sie hatten da einen guten Pastor, aber eine schlechte Ernte, und das drei Jahre hintereinander. Alles war auf dem Halm verbrannt, und sie konnten sich das Einfahren sparen. Ihre Kühe waren anzusehen wie Windhunde. Das erste Jahr ging das noch an. Als aber auch im zweiten Jahr der Himmel verschlossen war, da kamen sie zusammen und klagten sich ihre Not. Als sie damit fertig waren, machten sie den Beschluß, sie wollten in diesen teuren Zeiten dem Pastor sein Gehalt auch sparen.
So gehen sie zu ihm und reden erst vom Wetter und all solchen Sachen, womit der Mensch anfängt, wenn er zu Menschen kommt. Aber dann stößt einer den andern an, und endlich mußte der Kirchenälteste damit 'raus.
"Herr Pastor", sagt er, "Ihr habt uns nun drei Jahre Gottes Wort gepredigt, und wir haben Euch das Gehalt gern gezahlt und ohne Murren. Aber nun sind aasig schlechte Zeiten gekommen, und wir müssen sparen, denn die Gemeinde kann Euer Gehalt nicht mehr aufbringen. So haben wir den Be-schluß gemacht, wir wollten mal versuchen, ohne Euch fertig zu werden."

Er hält still in seiner Ansprache. Keiner hilft ihm. Ihm wird heiß. Er merkt, es ist nicht leicht. Der Pastor steht am Fenster. Er guckt 'raus. Er sagt nichts. Der Buxtehuder muß wieder anfangen: "Wir haben an das Wort gedacht, was Ihr uns verkündigt habt: 'Gott ist in den Schwachen mäch-tig'. - Das wird wohl auch für trockne Jahre gelten. Besonders, wenn da ein Schwacher nicht allein ist, sondern ein ganzer Posten. Um Gottes Segen haben wir auch schon gebetet. Nun sind wir zwölf Mann im Kirchen-rat, und wir haben uns das so gedacht: wir wollen uns das umgehen lassen im Vierteljahr. Jeder übernimmt einen Sonntag und hält in der Kirche eine geistliche Vermahnung an die Gemeinde, so ähnlich, wie Ihr das macht. Bloß kürzer und kräftiger, und einer nach dem andern, daß jeder sein Recht kriegt."
Er hält wieder still. Ihm wird noch heißer. Er muß sich dem Schweiß ab-wischen. Der Pastor steht noch immer am Fenster. Er guckt noch immer 'raus. Er sagt noch immer nichts. Der Mann muß noch einmal anfangen: "Ihr habt uns Gottes Wort treu gepredigt. Dafür sind wir Euch ankbar. Aber jetzt sind wir in großer Not, und wir wollen uns bei Euch bedanken, wenn Ihr Euch eine andere Stelle sucht. Der liebe Gott wird Euch dabei helfen, und wir wollen auch für Euch beten. Wenn der liebe Gott wieder Regen über das Land schickt, holen wir Euch gern zurück." - Er hustet. Er scharrt mit dem Fuß. Er ist fertig mit seiner Ansprache. Die andern nickköppen ihm zu: Du hast deine Sache gut gemacht.
Da ist der Pastor auch fertig mit seinem Fenstergucken. Er dreht sich um und sagt: "Ja." Dann wischt er sich mit der Hand ein paarmal über den Mund und das Kinn. "Ja, wenn ihr meint, daß es nötig ist und daß ihr auch ohne mich fertig werdet, dann macht euch weiter keine Sorgen. Heut ist Montag. Nächsten Donnerstag will ich gehen, und nächsten Sonntag könnt ihr anfangen. Bloß, ihr müßt mir erlauben, daß ich meine Sachen noch ein paar Wochen hier lasse. Denn so für den Augenblick weiß ich nicht, wo ich damit hin soll."
Da willigten sie gerne ein und zogen ab, und er rief ihnen noch nach: "Also, bis dahin, daß der liebe Gott wieder Regen schickt über das Land!" - "Jawoll!" riefen sie zurück. "Du", sagte draußen einer zum andern, "der Pastor hat sich eben, als er vom nächsten Regen sprach, mit der Hand wieder über den Mund gewischt. Aber es kam mir so vor, als wenn seine Augen inwendig lachten. Dabei ist für ihn doch nichts zu lachen. Aber wozu reibt er sich denn um den Mund 'rum?" - "Laß ihn rei-ben!" sagten die andern.
Und am Donnerstag zog der Pastor richtig ab.
Damals dachte noch kein Mensch auf der Farm daran, sich ein Telefon anzuschaffen; aber die Geschichte lief in ein paar Tagen in der ganzenGegend 'rum: In Dingskirchen hat die Gemeinde ihren Pastor auf-gesagt. Gottes Wort wird ihnen in trockenen Jahren zu teuer. Nächsten Sonntag wird der Kirchenälteste an seiner Stelle eine geistliche Ver-mahnung an die Gemeinde halten, die soll kurz und kräftig ausfallen. Sie wollen sich das umgehen lassen.

Da kam der nächste Sonntag schon an. - Da kam alles, was Beine hatte, und ich auch. Ich sagte zu Wieschen: "Das muß ich mir anhören."
Sie sprach: "Die Leute haben eine Dummheit gemacht, und die sie Sonntag machen, die wird noch größer sein, denn die erste war. Was willst du dir die Stiefelsohlen danach ablaufen?" Aber als der Sonnabend kam, da nahm ich die zwanzig Meilen unter die Füße, und am Abend hatte ich sie richtig abgewickelt. Am andern Morgen war die Kirche prop-penvoll. So voll hatte der Pastor sie wohl lange nicht gesehen. Vor dem Altar stand das Lesepult, und davor saß der Buxtehuder und hatte seinen Sonntagsrock an. Aber ein Sonntagsgesicht hatte er nicht aufgesetzt. Auch rutschte er heftig hin und her auf seiner Bank. - Na, denke ich, in deiner Haut möcht' ich heute auch nicht stecken. Wo dit woll möt!
Er läßt Nr. 288 singen: "Was willst du, armer Erdenkloß, so sehr mit Hoffart prangen?" - Es ist ein langer Gesang. Er hat 13 Verse. Es ist zu Ende. Er bleibt sitzen. Er läßt ein zweites Lied singen. Die Gemeinde wundert sich; er ist sonst nicht für Musi. Endlich ist auch das zu Ende. Noch ein drittes Lied - nein, das geht nicht. So wankt er nach dem Pult und stellt sich dahinter. Aller Augen sehen auf ihn, die einen mit Neube-gier, die andern mit Ehrfurcht. Ihm bebern die Büxen. Er muß sich immerzu den Schweiß abwischen. Er nimmt die Bibel. Er schläggt sie auf. Er liest Matthäi am 23.: "O ihr Schlangen- und Otterngezücht, wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?" - Wir setzen uns. Wir husten noch mal, um nachher nicht zu stören. Wir setzen uns zurecht, und ich denke so bei mir: Alles, was recht ist! Eine kurze, kräftige Ver-mahnung läßt sich da gut anbringen. Aber daß er die Farmersleute gleich mit Schlangen und Ottern vergleicht, das wäre wohl nicht nötig gewesen, wo es auch nicht an dem ist. Na, das ist seine Sache. In der Bibel kom-men Schlangen und Ottern ja öfter vor.

Als die Gemeinde mit dem Husten fertig ist, da hustet er selbst noch ein paarmal. Dann gibt er sich inwendig einen Ruck und fängt wahrhaftig an. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, was nun kam, so was hab' ich im Leben nicht gehört. Das war nicht geistlich. Das war nicht weltlich. Das war bloß ängstlich und lauter Unsinn. Er fing an:
"Meine lieben Mitchristen! Oder, wie der Apostel sagt, ihr Schlangen- und Otterngezücht! Ihr Schlangen!" sagt er. - "Ihr Schlangen und Ottern! - Ihr Ottern und Schlangen! - Ihr Ottern! - Ihr Schlangen!" Das brüllte er man so 'raus, und dazu schlug er mit der Faust auf die Kanzel. Er tat es aber nicht aus Kraft, sondern aus Angst. Er wollte sich Mut machen. Es ge-lang ihm nicht. Er wußte nicht weiter. Er verbiesterte in seinem Text. Er fing wieder an: "Ihr Schlangen- und Otterngezücht! - Ihr Schlangengezücht!" - Es war wieder alle. Er guckte über sich. Er guckte uns an. Wir guckten ihn an. Wir saßen ganz still. Er legte noch mal los; aber er war heil und deil verbiestert: "Ihr Schlangen! Ihr Schlottern und Zangen! - Ihr Schlottergezücht!" - Das kam noch ordentlich forsch 'raus. Und dann saß er ganz fest. Seine Vermahnung war alle geworden. Er blickte um sich wie einer, der in großer Not ist.

Es war aber allda einer von den Ältesten, der sollte am nächsten Sonntag 'ran. Der sah seine Not und daß er die Tiere so durcheinander-schmiß. Der sah auch, daß es mit der geistlichen Vermahnung für heute nichts mehr wurde. DArum erbarmte er sich über ihn und rief ihm leise zu:
"Lasset uns beten!" - Er aber griff das Wort mit seinen Ohren auf, und mit seinen Augen suchte er auf der Bibelseite Matthäi am 23. nach einem Ge-bet. Es nützte nichts mehr. Er war nun einmal an Leib und Seele verbies-tert, und darum verhaspelte er sich auch in seinem Beten. Er faltete die Hände und sprach: "Lasset uns beten! Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Amen." - Dann setzte er sich und tat sich bloß noch den Schweiß abwischen. Wir sangen noch ein kurzes Lied, und dann war die Kirche aus. Die Andacht war schon lange vorher aus gewesen. Weißt du, was ich wohl wissen möchte? Ich möchte wohl wissen, was der liebe Gott zu dem Buxtehuder seiner geistlichen Vermahnung gesagt hat.

Die Ältesten aber hielten einen Rat und machten einen Beschluß: "Wir wollen unsern Pastor aufsuchen und ihn bitten, daß er wieder zu uns kommt. Es ist schwerer, als wir gedacht haben." - Der Pastor war auch gar nicht schwer aufzufinden. Er war in der Nähe geblieben, weil er sich das schon gedacht hatte. Am nächsten Sonntag stand er wieder auf der Kanzel, die Kirche war wieder voll. Sie haben ihm alle gedankt und ihn gebeten, er solle ihnen das man nicht weiter übelnehmen; es sei bloß ihre Dummheit gewesen. Lieber wollten sie noch ein trockenes Jahr durch-halten, als noch eine geistliche Vermahnung von der Sorte.

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gillhoff
 




 
   
     
   
     
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