Geschichten

Suchen:

> Übersicht
> Neuste Einträge
> Am häufigsten aufgerufen

Kategorien:
> Anekdoten und Kurzgeschichten aus vier Jahrhunderten
> Erzählungen von Duncan Smile
> Erzählungen von Franz Kafka (1883 - 1924)
> Geschichten �ber Engel
> Geschichten über Engel
> Geschichten von Scilasko
> Geschichten zum Schmunzeln
> Kleiner Streifzug durch die Welt der Literatur
> Max und Moritz
> Nachdenkliches
> Weihnachtserzählungen
> Weihnachtserz�hlungen

 
  Ein Chamäleon
 

von Anton Tschechow (1860-1904)

Über den Marktplatz geht in neuem Mantel, ein Bündelchen in der Hand, der Polizeiinspektor Otschumjelow. Hinter ihm schreitet ein rothaariger Schutzmann einher mit einem Korbe, der bis an den Rand mit beschlg-nahmtem Stachelbeeren angefüllt ist. Ringsum tiefe Stille ... Auf dem Platze keine Menschenseele ...

Die offenen Türen der Läden und Schneken blicken trübselig in die Welt wie hungrige Mäuler; nicht einmal Bettler sind vor ihnen zu sehen.

Plötzlich hört Otschumjelow ein Geschrei: "Du willst beißen, verdammtes Biest? Kinder, laßt ihn nicht davon! Beißen ist heutzutage nicht erlaubt! Haltet ihn auf! Heda ... he!"

Man hört das Gewinsel eines Hundes. Otschumjelow blickt nach der be-treffenden Seite hin und sieht, wie aus dem Holzhofe des Kaufmannes Pitschugin ein Hund herausgelaufen kommt, der auf drei Beinen hüpft und zurückblickt. Den Hund verfolgt ein Mensch in gestärktem, baumwollenem Hemde und aufgeknöpfter Weste. Er läuft hinter dem Hunde her, stürzt sich, mit dem Oberkörper vornüberfallend, auf die Erde und bekommt den Hund an den Hinterpfoten zu packen.

Von neuem hört man das Gewinsel des Hundes und das Geschrei: "Laßt ihn nicht davon!"

Aus den Läden tauchen verschlafene Gesichter auf, und bald sammelt sich, wie aus der Erde gewachsen, vor dem Holzhofe eine Volksmenge an.

"Das ist wohl grober Unfug, Euer Wohlgeboren!" bemerkt der Schutzmann.

Otschumjelow schwenkt halblinks und geht auf den Menschenhaufen zu. Er sieht, daß dicht an dem Tore des Holzhofes der oben beschriebene Mensch mit der aufgeknöpften Weste steht, die rechte Hand in die Höhe hebt und der Menge einen blutigen Finger zeigt. Auf dem Gesichte des Halbbetrunkenen stehen gleichsam die Worte geschrieben: "Wart nur, ich will dich lehren, du Racker!", und sogar den Finger hält er wie ein Sieges-zeichen in die Höhe. In diesem Menschen erkennt Otschumjelow den Goldschmied Chrukin. Mitten in dem Menschenschwarm sitzt, die Vorder-beine auseinandergespreizt, am ganzen Leibe zitternd, der Anlaß dieses Tumultes: ein junger weißer Windhund mit spitzer Schnauze und einem gelben Fleck auf dem Rücken. In seinen tränenfeuchten Augen spiegeln sich Angst und Furcht.

Otschumjelow bahnt sich einen Weg durch die Menge. "Was geht hier vor?" fragt er. "Warum steht ihr hier? Du da, was hast du mit deinem Fin-ger? ... Wer hat hier geschrien?"

Chrukin hustet in sein Hand hinein; dann beginnt er: "Ich gehe vor mich hin, Euer Wohlgeboren, und tue keinem Menschen was. Ich wollte wegen einigen Holzes mit Mitri Mitritsch sprechen. Und auf einmal beißt mich diese Kanaille ohne jede Veranlassung in den Finger ... Verzeihen Sie, ich bin ein Mann, der von seiner Arbeit lebt. Ich habe feine Arbeit. Ich verlange Schadenersatz; denn diesen Finger werde ich vielleicht eine ganze Woche nicht gebrauchen können ... Das steht in keinem Gesetz, Euer Wohlgeboren, daß man sich von einem Vieh so etwas gefallen lassen muß ... Wenn jeder beißen wollte, dann wäre es ja schon das beste, man wäre gar nicht auf der Welt."

"Hm! ... Nun gut ..." sagt Otschumjelow in strengem Tone, räuspert sich und arbeitet mit den Augenbrauen. "Nun gut ... Wem gehört der Hund? Da muß eingeschritten werden. Ich werde es den Leuten schon austreiben, ihre Hunde so schlecht zu erziehen! Wir müssen endlich mal auf solche Herrschaften aufpassen, die sich den Verordnungen nicht fügen wollen. Wenn so ein Racker mal eine ordentliche Geldstrafe bekommt, dann wird er schon merken, was es mit dem aufsichtslosem Herumlaufen von Hunden und anderm Vieh auf sich hat. Ich werde ihn Mores lehren! ... Jeldürin", wendet sich der Inspektor an den Schutzmann, "Stell fest, wem der Hund gehört, und nimm ein Protokoll darüber auf. Und der Hund muß getötet werden. Ohne Verzug! Er ist höchstwahrscheinlich toll ... Wem gehört der Hund?, frage ich."

"Das ist wohl der Hund des Generals Schigalow!" antwortet einer aus dem Haufen.

"Des Generals Schigalow? Hm! ... Jeldürin, nimm mir doch den Mantel ab ... Eine schauderhafte Hitze! Es kommt wahrscheinlich ein Gewitter ... Aber eins kann ich nicht verstehen", fährt Otschumjelow, zu Chrukin ge-wendet, fort, "wie hat er dich überhaupt beißen können? Reicht er denn an deinen Finger heran? Es ist ja ein ganz kleines Tierchen, und bist ein lan-ger Laban! Du hast dir gewiß den Finger an einem Nagel aufgerissen und bist dann auf den Gedanken verfallen, deinen Ärger an dem Hunde auszu-lassen. Du bist ja ... ein bekanntes Subjekt! Ich kenne euch, ihr nichtswürdigen Kerle!"

"Er hat ihm zum Spaß die Zigarre an die Schnauze gehalten, Euer Wohl-
geboren, und der Hund, nicht dumm, hat ihn gebissen ... Es ist ein alber-ner Mensch, Euer Wohlgeboren!"

"Du lügst, du krumme Kanaille! Du hast es doch nicht gesehen; also warum lügst du? Seine Wohlgeboren sind ein kluger Herr und wissen recht gut, ob einer lügt, oder ob einer nach seinem Gewissen, wie vor Gott, redet ... Aber ob ich lüge, das mag der Friedensrichter entscheiden. Bei dem steht es im Gesetz geschrieben ... Heutzutage sind alle gleich ... Ich habe selbst einen Bruder bei den Gendarmen ... wenn ihr's wissen wollt ..."

"Red nicht lange!"

"Nein, das ist nicht der Hund des Generals ..." bemerkt der Schutzmann nachdenklich. "Solche Hunde hat der General nicht. Er hat Hühnerhunde."

"Weißt du das bestimmt?"

"Ganz bestimmt, Euer Wohlgeboren."

"Ich selbst weiß es auch. Der General hat teure Hunde von guter Rasse; aber dieser hat hier - weiß der Teufel, was das für einer ist! Keine vernünf-tige Farbe und keine vernünftige Gestalt; ein ganz gemeines Geschöpf ... Daß sich Leute solchen Hund halten! Was sie sich dabei nur denken? Wenn sich ein solcher Hund in Petersburg oder Moskau auf der Straße blicken ließe, wißt ihr, was da geschehen würde? Da würde man nicht erst lange im Gesetz nachsehen, sondern ihm ohne weiteres das Lebens-licht ausblasen! Du, Chrukin, hast einen körperlichen Schaden erlitten, du mußt die Sache verfolgen ... Die Leute müssen zur Räson gebracht wer-den! Höchste Zeit ..."

"Aber es könnte doch sein, daß es der Hund des Generals ist", überlegt der Schutzmann in lautem Selbstgespräch. "An der Schnauze steht es ihm freilich nicht geschrieben ... Aber neulich habe ich bei ihm auf dem Hofe einen solchen Hund gesehen."

"Ganz sicher ist es der Hund des Generals!" ruft eine Stimme aus dem Haufen.

"Hm ... Leg mir doch den Mantel um, Jeldürin. Es hat sich so ein Wind aufgemacht ... Ganz kühl ist's geworden ... Bringe ihn zum General und erkundige dich. Sag, daß ich ihn gefunden habe und hinschicke ... Und daß sie ihn von der Straße fernhalten sollen ... Es ist vielleicht ein wert-voller Hund, und wenn ihm jeder Schweinigel mit der Zigarre vor die Nase stößt, dann dauert's nicht lange, bis er kaputt ist. Ein Hund ist ein zartes Geschöpf ... Und du, Tölpel, nimm die Hand herunter! Du brauchst deinen dummen Finger nicht in die Höhe zu halten! Es ist deine eigene Schuld!"

"Da geht der Koch des Generals; den könnten wir fragen ... He, Prochor, komm mal her, lieber Freund! Sieh den Hund an ... Ist das euer Hund?"

"Was dir einfällt! Solche haben wir im Leben nicht gehabt!"

"Wozu da erst lange fragen", sagt Otschumjelow. "Es ist ein aufsichtslos sich herumtreibendes Tier! Da bedarf es keiner langen Rede ... Wenn ich gesagt habe, daß es ein aufsichtslos sich herumtreibendes Tier ist, dann ist es auch so. Er muß getötet werden, basta!"

"Der gehört nicht uns", fährt Prochor fort, "der gehört dem Bruder des Ge-nerals, der neulich angekommen ist. Unser Herr ist kein Liebhaber von Windhunden; aber sein Bruder mag sie gern."

"Ist denn wirklich der Bruder des Herrn Generals angekommen?" fragt Otschumjelow, und ein untertäniges Lächeln überzieht sein ganzes Ge-sicht. "Wladimir Iwanüsch? Na so was! Und ich habe es gar nicht ge-wußt! Ist er zum Besuch gekommen?"

"Jawohl."

"Na so was ... Hat sich nach dem Herrn Bruder gesehnt ... Und ich habe es gar nicht gewußt! Also dem gehört das Hündchen? Das freut mich ja außerordentlich ... Nimm ihn mit ... Ein liebes kleines Tierchen ... Und so behende ... Schnappt dem Kerl nach dem Finger, ha, ha, ha ... Na, was zitterst du denn, mein Hündchen? Rr ... Rr ... Nun wird er böse, der kleine Schelm ... So ein Prachttierchen ..."

Prochor ruft dedn Hund und geht mit ihm vom Holzhofe weg. Die Menge lacht Chrukin aus.

"Ich werde es dir schon noch mal zeigen!" droht ihm Otschumjelow, schlägt den Mantel vorn zusammen und setzt seinen Weg über den Markt-platz fort.




 
   
     
   
     
      © by Nora Runge - Alle Rechte vorbehalten