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  Wie ich mich verheiratete
 

von Anton Tschechow (1860-1904)

Als der Punsch ausgetrunken war, flüsterten die beiden Elternpaare miteinander und verließen uns.
"Na, nun vorwärts!" zischelte mir mein Vater beim Hinausgehen zu.
"Frisch drauf los!"
"Aber wie kann ich ihr denn eine Liebeserklärung machen", flüsterte ich zurück, "wenn ich sie doch nicht liebe!"
"Das ist ganz egal ... Du verstehst aber auch rein gar nichts, du dummer Kerl!"
Bei diesen Worten maß mich mein Vater mit einem zornigen Blick und ging aus dem Gartenhäuschen hinaus. Der Arm einer alten Frau erschien durch die Öffnung der angelehnten Tür und nahm die Kerze vom Tische weg. Wir blieben im Dunkeln zurück.

Na, was sein muß, das ist nicht zu ändern, dachte ich, räusperte mich und begann dreist: "Die Umstände kommen mir zustatten, Soja Andre-jewna. Wir sind endlich allein, und die Dunkelheit ist mir hilfreich, da sie den Ausdruck der Verlegenheit auf meinem Gesichte verbirgt ... Diese Verlegenheit wird von den Gefühlen hervorgerufen, die in meiner Seele lodern ..."
Aber hier hielt ich inne. Ich hörte, wie Fräulein Sojas Herz pochte, und wie ihre Zähnchen aufeinanderschlugen. Durch ihren ganzen Leib ging ein Beben, das sich sowohl in der angegebenen Weise hörbar machte, als auch an dem Zittern der Bank zu fühlen war. Das arme Mädchen liebte mich nicht; im Gegenteil, sie haßte mich, weil ich ihr aufgezwungen werden sollte; auch war ich damals ebensowenig wie jetzt ein Adonis, der durch sein Äußeres hätte Liebe erwecken können. Ich hielt inne, weil sie mir leid zu tun anfing.
"Kommen Sie hinaus in den Garten", sagte ich. "Hier ist so drückende Luft ... "

Wir traten hinaus und gingen eine Allee hinunter. Die Eltern, die an der Tür gelauscht hatten, waren bei unserem Erscheinen in die Büsche gestoben. Über Sojas Gesicht huschten die Strahlen des Mondes hin; so unerfahren ich auch damals war, so las ich doch auf diesem Gesicht alle ihre Empfindungen. Aber ich fuhr mit einem Seufzer fort: "Die Nachtigall singt; das Männchen bereitet damit seinem lieben Weibchen einen unter-haltenden Zeitvertreib ... Aber ich einsam dastehender Mensch habe niemand, dem ich eine Unterhaltung bereiten könnte."
Soja wurde rot und schlug die Augen nieder. Sie war vorher instruiert wor-den, in dieser Weise zu schauspielen. Wir setzten uns auf eine Bank, mit dem Gesicht nach dem Flüßchen hingewendet. Auf der anderen Seite des Flüßchens hob sich aus der Dämmerung die weiße Kirche ab, und hinter der Kirche ragte das Gutshaus des Grafen Kuldarow auf, wo der junge Ö-konom Bolnizyn wohnte - der Mann, den Soja liebte. Sowie Soja sich auf die Bank gesetzt hatte, richtete auch sie ihren Blick nach jenem Hause hin. Mein Herz zog sich krampfhaft zusammen vor Mitleid. Mein Gott, mein Gott! Ich wünschte ja unseren Eltern von Herzen nach ihrem Tode die ewige Seligkeit; aber wenigstens einen Tag lang sollten sie dafür eigentlich doch in der Hölle sitzen!
"Von einer einzigen Person hängt mein ganzes Lebensglück ab", fuhr ich fort."Ich hege gegen dieses Wesen Gefühle ... Gefühle innigster Ver-ehrung ... Ich liebe dieses Wesen, und wenn es mich nicht wieder liebt, so bin ich ... hm ... zugrunde gerichtet ... so gut wie tot ... Dieses Wesen sind Sie ... Können Sie mich wiederlieben? Ja? Lieben Sie mich?"
"Ja, ich liebe Sie", flüsterte sie.
Offen gestanden, ich wurde ganz starr und blaß bei dieser Antwort. Bis da-hin hatte ich mir gedacht, sie würde halsstarrig sein und mir einen Korb geben, da sie ja einen anderen so leidenschaftlich liebte. Auf diese starke Neigung hatte ich alle Hoffnungen gesetzt gehabt, und nun kam die Sache so ganz anders! ... Soja besaß nicht die Kraft, sich gegen den Zwang aufzubäumen!
"Ja, ich liebe Sie", sagte sie noch einmal und fing an zu weinen.
"Nein, so darf das nicht weitergehen!" rief ich; ich wußte selbst nicht, was ich sagte, und zitterte am ganzen Körper. "Das ist unerhört! Beste Soja Andrejewna, glauben Sie mir nicht! Um Gottes willen, glauben Sie mir nicht! Ich liebe Sie ja gar nicht! Möge ich in den tiefsten Abgrund der Hölle versinken, wenn ich Sie liebe. Und Sie lieben mich ja auch nicht! Das ist ja alles nur leeres Gerede!"
Ich sprang auf und lief vor der Bank hin und her.
"Das darf nicht sein! Wir spielen ja hier miteinander Theater! Man will uns gewaltsam zu Mann und Frau machen, Soja Andrejewna, um materieller Interessen willen, und von Liebe ist dabei gar nicht die Rede. Ich möchte mir lieber einen Mühlstein an den Hals hängen als Sie nehmen; so steht die Sache. Zum Kuckuck noch einmal! Was haben die denn für ein Recht, so über uns zu verfügen? Sind wir denn ihre Leibeigenen? Wir wollen uns nicht heiraten, nun gerade nicht! Das ist ja eine ganz schändliche Bande! Nun dürfen wir uns aber nicht länger ihrem Willen fügen! Ich will gleich hingehen und ihnen sagen, daß ich Sie nicht heiraten mag, und damit basta!"
Plötzlich hörte Soja auf zu weinen, und die Tränen auf ihrem Gesicht trock-neten augenblicklich.
"Ich will hingehen und es ihnen sagen!" fuhr ich fort. "Und Sie sagen es ihnen auch. Sagen Sie ihnen, daß Sie mich gar nicht lieben, sondern daß Sie Herrn Bolnizyn leiben. Und ich werde eifrig im Interesse dieses Herrn Bolnizyn wirken ... Ich weiß ja, wie leidenschaftlich Sie ihn lieben!"
Soja lachte vor Glückseligkeit auf und schritt neben mir her dem Hause zu.
"Sie lieben ja doch auch eine andere!" sagte sie, sich vergnügt die Hände reibend. "Sie lieben Mademoiselle Débé."
"Ja", erwiderte ich, "ich liebe Mademoiselle Débé. Sie gehört nicht zu unserer rechtgläubigen Kirche, auch ist sie nicht reich; aber ich liebe sie wegen ihrer geistigen und seelischen Vorzüge ... Mögen meine Eltern mich verfluchen, ich heirate sie doch. Ich liebe sie vielleicht mehr als mein eigenes Leben. Ich kann ohne sie nicht leben! Wenn sie nicht meine Frau wird, dann mag ich auch nicht weiterleben! ... Ich gehe gleich hin. Wir wollen beide gehen und es diesen Tyrannen sagen ... Ich bin Ihnen so dankbar, bestes Fräulein ... Was haben Sie mir für einen Trost bereitet, was für eine Freude gemacht!"

Ein voller Strom von Glücksempfindung hatte sich in mein Herz ergossen, und ich begann mich bei Soja zu bedanken, und Soja sich bei mir. Und beide, glücklich und dankbar, drückten wir einander die Hände und belob-ten uns wechselseitig wegen unserer edlen Gesinnung. Ich küßte ihr die Hand und sie küßte mich auf den Kopf, auf mein dichtes borstiges Haar. Und ich glaube, ich umarmte sie sogar, ohne an die Vorschriften der Etikette zu denken. Und ich muß sagen, keine Liebeserklärung kann ein paar junge Leute so beglücken, wie uns die Erklärung, daß wir einander nicht liebten. In froher, rosiger Stimmung, aber bebend vor Erregung, gingen wir nach dem Hause, um den Eltern unseren Entschluß mitzu-teilen. Auf dem Wege sprachen wir einer dem anderen Mut zu.
"Mögen sie uns schelten" sagte ich, "ja, mögen sie uns schlagen oder gar verstoßen; aber dafür werden wir glücklich sein!"

Als wir ins Haus traten, standen die Eltern an der Tür und warteten. Sie blickten uns an, sahen, was wir für glückliche Gesichter machten, und gaben schleunigst dem Diener einen Wink. Der Diener brachte Champag-ner. Ich protestierte, wehrte mit den Armen ab, stampfte mit den Füßen ... Soja weinte und schrie ... Es wurde ein gewaltiger Lärm, ein furchtbarer Aufruhr, und der Champagner blieb ungetrunken ...

Und trotzdem brachten sie es einige Zeit darauf fertig, uns zu einem Paar zu machen! -

Heute feiern wir unsere silberne Hochzeit. Ein Vierteljahrhundert haben wir zusammen verlebt. Anfangs ging die Sache recht schwer. Ich zankte mich mit ihr und prügelte sie gelegentlich auch ein bißchen; aber dann begann ich aus Gram und Kummer sie liebzuhaben ... Wir bekamen vor Gram und Kummer Kinder ... Dann, so allmählich, gewöhnten wir uns ganz nett an-einander ... Und in diesem Augenblicke steht sie, meine liebe Soja, hinter mir, legt mir die Hände auf die Schultern und küßt mich auf die Glatze.




 
   
     
   
     
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