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  Die Jungfrau in der Gesäßtasche
 

von Victor Auburtin (1870-1928)

Von dem Augenblick an, da die goldene Jungfrau Ilona im Elysium-Theater zu Hannover auftrat, ist der Korrektor Blümel ein ganz anderer Mensch geworden. Es ist, wie man so zu sagen pflegt, eine innere Wandlung in ihm vorgegangen, und wie er nun an dieser inneren Wand-lung zugrunde gegangen ist, dieses soll in der hier vorliegenden Geschich-te berichtet werden.

Die Ilona trat also im Elysium zu Hannover auf und war vergoldet. Das heißt: sie stellte auf einem Postament allerlei künstlerische Posen und war dabei eigentlich und bei Licht besehen so ziemlich nackt. Aber bevor sie auftrat, wurde sie von ihrem Impresario erst ganz mit Vaseline bestrichen und dann mit Goldstaub bepudert. So sah sie mit ihren nackten Armen und Beinen aus wie eine in Metall gegossene Figur und glänzte so fettig wie die bronzierte Büste Seiner Majestät im Billardzimmer des Hotels zu den vier Jahreszeiten. Das alles nannte man die goldene Jungfrau, und goldene Jungfrauen dieser Art waren vor einigen Jahren sehr in Mode und konnten in jedem besseren Varieté des deut-schen Vaterlandes beobachtet werden.

Als nun die goldene Jungfrau Ilona im Elysium zu Hannover auftrat, da ging auch der Korrektor Johannes Blümel hin, und von dem Augenblick an, da er sie erblickte, war es ganz einfach um ihn geschehen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihrer leuchtenden Gestalt, die ihm wahrhaftig wie die einer Fee oder gar einer Venus erschien. Die LIebe und die Sehnsucht faßten ihn wie ein schnelles Fieber, und als er nach der Vorstellung ein-sam nach Hause ging, da beschloß er, diesem außergewöhnlichen Wesen in seinem Herzen eine stille Anbetung einzurichten.

Natürlich dachte er nicht daran, zu ihr in ein näheres Verhältnis zu treten. Denn solche goldenen Jungfrauen, die sind wohl etwas ganz besonders Vornehmes und werden sich höchstens mit Kommeruienräten oder mit Milliardären abgeben. Und Johannes Blümel war nichts als ein etwas schief geratener Korrektor, der mit einem Monatsgehalt von 225 Mark bei Bock & Co. angestellt war und jeden Augenblick gekündigt werden konnte.

Er hatte niemals verwegene Ansprüche gestellt, war immer bescheiden zu-rückgetreten, hatte immer jeden anderen zuerst durch die Türe gehen lassen und war auf diese Weise ein kümmerliches Männchen von jetzt so zirka fünfzig Jahren geworden. Auch verheiratet hatte er sich lieber nicht, sonder war ganz einsam geblieben, und wenn nicht der Kegelklub "Ratze" am Mittwochabend gewesen wäre, so hätte er überhaupt keinen Mensch gehabt in ganz Hannover und in der weiten Welt. Das war aber sein größter Erfolg im Leben gewesen, daß er in den Kegelklub "Ratze" als aktives Mitglied aufsgenommen wurde. Dieser Kegelklub versammelte sich jeden Mittwochabend im Restaurant zu den vier Jahreszeiten und war aus Rentiers, Wurstfabrikanten, Kolonialwarenhändlern und anderen solchen Ehrenmännern zusammengesetzt. Blümel war auf die Empfeh-lung eines seiner früheren Chefs Mitglied geworden und war außerordent-lich stolz darauf, der Gefährte so wichtiger und behäbiger Bürger sein zu dürfen. Ja, er freute sich die ganze Woche hindurch nur immer auf diesen einen Abend, an dem er endlich einmal mit Menschen sprechen und lachen und ihre Hände fassen durfte. Denn so stand es nun schon allmäh-lich um Herrn Blümel, daß dieser Abend mit der Kegelei seine einzige und letzte Verbindung mit der menschlichen Gemeinde repräsentierte.

Der gütige Leser sieht selbst ein, daß ein so beschaffener Korrektor nicht der Mann war, es mit einer goldenen Jugfrau aufzunehmen, die im Ely-sium auftrat. Seine Anbetung bekundete sich vielmehr dadurch, daß er jeden Abend ganz heimlich ins Theater ging, und zwar auf den letzten Stehplatz, auf dem ihn keiner vermutete. Außerdem aber kaufte er sich sämtliche Photographien der goldenen Dame, die in den Läden nur irgend-wie zu haben waren. Alle Posen und Rollen, in denen sie sich hatte photographieren lassen, akufte er zusammen; als "Schlafende Nixe", als "Lucretia mit dem Dolch", als "Melancholie" und als "Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser". Ihr schönstes Bild aber war das als "Rule Britannia", wo ihre Beine in der ganzen Länge und Herrlichkeit zu besehen waren, und von diesem Bilde kaufte er sich nacheinander anderthalb Dut-zend in allen Läden der Stadt zusammen, so daß die Händler schließlich gar nicht wußten, wie sie diesen Bedarf an nacktbeinigen Rule Britannias decken sollten.

Die ganze Gemäldegalerie, die er so zusammen bekam, trug er fortwäh-rend bei sich herum, in allen Taschen seiner Leibesbekleidung verteilt. In der Brusttasche, in der Hosen- und Paletottasche, ja in der heimlichen Gesäßtasche, in der vernünftigere Menschen ihre Kassenscheine zu trans-portieren pflegen, überall hatte Herr Blümel die goldene Jungfrau in vielen Exemplaren und Varietäten zu sitzen. So daß es schließlich ganz vollgefüttert und aufgefressen aussah, während es doch nur heimliche Liebe war, von der niemand etwas wissen sollte.

Denn er wäre auf der Stelle gestorben vor Scham, wenn irgend jemand ge-merkt hätte, welchen HArem er bei sich herumtrug, und das Blut stieg ihm in die Wangen, wenn er daran dachte, daß ihm jemand einmal in die Taschen fassen könnte; etwa auf der Unfallstation oder gar im Kegel-abend "Ratze" bei diesen Brüdern, denen aber auch gar nichts heilig ist. Aber gerade diese Heimlichkeit und Gefahr versetzten ihn auf seine Art in eine unbändige Heiterkeit, und er lachte nun alle Menschen aus, die nicht wußten, welche Schätze er bei sich herumtrug. Er wurde damals, wie gesagt, ein ganz anderer Mensch, trank hier und da ein Glas Wein, was er früher nie getan hatte, und pfiff immerfort vor sich hin, während er ab-wechselnd einmal die Brusttasche oder die Hosentasche oder eben die Gesäßtasche voll inniger Wonne drückte und die darin behüteten golden-en Jungfrauen befühlte. In seinem Verein war er ganz ausgelassen, so daß seine Freunde sich wunderten und auf die sonderbarsten Einfälle kamen, er habe eine alte Tante beerbt oder einen reichen Juden totge-schlagen, oder sonst solche Vermutungen.

So war es auch am Abend des Tages, an dem der Kegelklub "Ratze" sehr feierlich beisammen war und an dem die Geschichte auf wahrhaft schreck-liche Weise zum Klappen kommen sollte. An diesem Schicksalsabend machte Blümel in seiner Unternehmnungslust seinen Gefährten den Vor-schlag einer Lotterie, wie sie schon oft veranstaltet worden war. Jeder mußte demnach eine Mark auf einen Teller legen, und die ganze Summe sollte dann ausgewürfelt und dem Gewinner überlassen werden. Da der Klub an diesem Abend in glänzender Vollständigkeit erschienen war, so kamen immerhin fünfundzwanzig Mark zusammen, und um dieses Häuflein Silberlinge gruppierte sich nun die Gesellschaft, in deren Mitte, ohne daß jemand etwas ahnte, ein unbekannter Dieb verborgen war und nur auf seine Gelegenheit paßte. Während man mitten im besten Knobeln war, trat verspätet ein Mitglied ein, dem sich alle mit großem Hallo und Zurufen entgegen wandten, so daß der Tisch für einen Augenblick unbeob-achtet war. Und als man sich zu dem Spiele zurückbegab, da stellte es sich heruas, daß die fünfundzwanzig Mark glattweg vom Teller verschwun-den waren.

Der heimliche Dieb, der in der ehrenwerten Gesellschaft inbegriffen war, hatte die gute Gelegenheit benützt.

Blümel hatte dicht neben dem Gelde gestanden, und da er an diesem Tage schon sonst allerlei Unfug getrieben hatte, nahmen nun sofort alle an, er habe das Geld des Spaßes halber genommen und versteckt. Gleich stürzten sich einige auf ihn los und schrien: "Gib das Geld her, du Schuft." Er wehrte sie lachend ab. Aber da faßte einer nach seiner Tache, um ihn zu visitieren, und in diesem Augenblick fuhr Blümel enstetzt zu-rück und stieß alle mit wilder Hast von sich.

"Aber laß doch", sagte der andere, "es ist ja nur Spaß."

Blümel stand allein da, atmete tief und war schamrot, als wäre er mit Blut übergossen.

"Ich will nicht, daß ihr in meine Taschen faßt", keuchte er, "ich lasse keinen meine Kleider untersuchen; ich dulde es nich."

Dabei hielt er seine Hände krampfhaft auf seine Taschen, wie wenn dort ein Verbrechen zu verbergen wäre.

In diesem Augenblick war es totenstill geworden in der Gesellschaft. Dann sahe sich alle verständnisvoll an und gingen nun an ihre Beschäftigung, während deren sie Herrn Johannes Blümel keines Blickes und keines Wortes würdigten den ganzen Abend.

Als der Ärmste am nächsten Mittag von der Arbeit in sein Zimmer heimkehrte, fand er auf dem Tisch einen Brief und ein Paket vor. Der Brief kam von dem Klubpräsidenten, der ihm freundlichst den Rat gab, den Ver-ein künftig zu meiden, dann werde man von allen Weiterungen absehen und die Sache auf sich beruhen lassen. Das Paket aber enthielt sein Stamm-Seidel, welches ihm von der menschlichen Gemeinde nun definitiv zurückgesandt wurde, damit er fürderhin ganz allein daraus tränke, soviel ihm beliebe.

Er wickelte das Glas aus und stellte es vor sich auf den Tisch. Es war dieses Glas aber ein gar artiges Ehrenpokälchen mit einem zinnernen Klappdeckel und einem zierlichen Gemälde auf der Vorderfront. Da sah man in bunten Farben abgemalt drei historische, aber sozusagen symbo-lische Personen: nämlich links zuerst den römischen Gott Bacchus, der Weinlaub im Haare ind in der Hand den Thyrsosstab hatte; dann in der Mitte ein altdeutsches Burgfräulein, gar sauber mit Gretchenzöpfchen und weißer Halskrause ausstaffiert; und schließlich einen Landskneckt, der fest und treu das gute Schwert mit der Rechten faßte. Alle diese Perso-nen zusammen aber hielten ein weißes Spruchband, das fröhlich im glä-sernen Winde flatterte, und auf dem folgender Vers zu lesen war:

Es leuchten drei freundliche Sterne
Ins Dunkel des Lebens hinein,
Dieselben winken von ferne,
Sie heißen Lieb', Freundschaft und Wein.

Johannes Blümel sah sich all diese Herrlichkeit noch einmal mit ver-schwimmendem Blick an und dachte daran, wie schön es doch immerhin gewesen sei. Auch erwog er, was nun werden würde, wenn er keinen Menschen mehr hätte auf der ganzen Welt, und wenn die Geschichte sich herumspräche bis in sein Büro; und wie überhaupt so etwas komme, ganz plötzlich wie ein Donnerschlag, ohne daß ein Mensch etwas dagegen kann.

Vier Wochen später, als die goldene Ilona schon längst ein glänzendes Engagement nach Halle an der Saale angenommen hatte, zog man den kümmerlichen Kadaver des Herrn Blümel aus dem Kanal. Er kam an der Wasserkunst angeschwommen, da, wo das Wasser eigentlich immer am schwärzesten ist und am tollsten stinkt. Als man ihm den Rock aufknöpfte, um nach den Papieren zu sehen, da fand man alle seine Taschen dick vollgepfropft mit den lüsternsten Bildern von der Welt. Es war die "Schlafende Nixe" und die "Britannia" und die "Melancholie", die Herr Blümel mutig und dreist mit sich in den Tod genommen hatte. Vor den Fischen hatte er sich also nicht geschämt mit seiner goldenen Liebe, und vor Gott dem Herrn, der unsere Taten richtet, offenbar auch nicht.




 
   
     
   
     
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