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  Es ist ganz gewiß


 

von Hans Christian Andersen (1805-1875)

"Das ist eine entsetzliche Geschichte", sagte eine Henne, und zwar auf der anderen Seite der Stadt, wo die Geschichte nicht passiert war. "Das ist eine entsetzliche Geschichte im Hühnerhause! Ich kann heut nacht nicht allein schlafen! Es ist gut, daß unserer viele auf der Stiege zusam-mensitzen!" Und nun erzählte sie, so daß die Federn der andern Hühner sich hoben und der Hahn den Kamm fallen ließ. Es ist ganz gewiß!
Aber wir wollen mit dem Anfang beginnen, und der trug sich in einem Hüh-nerhof auf der anderen Seite der Stadt zu. Die Sonne ging unter, und die Hühner flogen auf ihre Stiege; eine Henne, weißgefiedert und mit kurzen Beinen, legte die ihr vorgeschriebenen Eier und war als Henne in jeder Art und Weise respektabel; indem sie auf die Stiege flog, zupfte sie sich mit dem Schnabel, und eine kleine Feder fiel ihr aus.
"Da geht sie hin", sagte sie, "je mehr ich mich rupfe, um so schöner werde ich!" Und sie sagte es heiter, denn sie war der muntere Sinn unter den Hühnern, übrigens, wie gesagt, sehr respektabel; und darauf schlief sie ein.
Dunkel war es ringsumher, Henne saß bei Henne, aber die, welche der heiteren am nächsten saß, schlief nicht; sie hörte und hörte auch nicht, wie es ja in dieser Welt sein soll, um in guter Ruhe zu leben; aber ihrer anderen Nachbarin mußte sie es doch sagen: "Hörtest du, was hier ge-sagt wurde? Ich nenne keinen, aber hier ist eine Henne, welche sich rup-fen will, um gut auszusehen! Wäre ich ein Hahn, ich würde sie verachten!"
Und gerade oben über den Hühnern saß die Eule mit dem Eulenvater und ihren Eulenkindern; die Familie hat scharfe Ohren, sie alle hörten jedes Wort, welches die Nachbarhenne sagte; und sie rollten mit den Augen, und die Eulenmutter schlug mit den Flügeln und sprach: "Hört nur nicht darauf! Aber ihr hörtet wohl schon, was dort gesagt wurde? Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren, und man muß viel hören, ehe sie einem ab-fallen! Da ist eine Henne, welche in solchem Grade vergessen hat, was sich für eine Henne schickt, daß sie sich alle Federn ausrupft und es den Hahn sehen läßt!"
"Prenez garde aux enfants", sagte der Eulenvater, "das ist nichts für Kinder."
"Ich will es doch der Nachbareule erzählen; das ist eine sehr achtbare Eule im Umgang", und darauf flog sie fort.
"Hu, hu! uhuh!" heulten sie beide in den Taubenschlag des Nachbars zu den Tauben hinein. "Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Uhuh! Eine Henne ist da, welche sich des Hahns wegen alle Federn ausgerupft hat; sie wird erfrieren, wenn sie nicht schon erfroren ist. Uhuh!"
"Wo? wo?" girrten die Tauben.
"Im Hofe des Nachbars! Ich habe es so gut wie selbst gesehen! Es ist bei-nahe unpassend, die Geschichte zu erzählen - aber es ist ganz gewiß!"
"Glaubt, glaubt jedes einzelne Wort" sagten die Tauben und girrten in ihren Hühnerhof hinunter: "Eine Henne ist da, ja einige sagen, daß ihrer zwei da sind, welche sich alle Federn ausgerupft haben, um nicht so wie die anderen auszusehen und um die Aufmerksamkeit des Hahns zu er-regen. Das ist ein gewagtes Spiel, man kann sich erkälten und am Fieber sterben, und sie sind beide gestorben!"
"Wacht auf! Wacht auf!" krähte der Hahn und flog auf die Planke; der Schlaf saß ihm noch in den Augen, aber er krähte dennoch: "Drei Hennen sind vor unglücklicher Liebe zu einem Hahn gestorben! Sie haben sich alle Federn ausgerupft! Das ist eine häßliche Geschichte! Ich will sie nicht für mich behalten, sie mag weitergehen!" "Laßt sie weitergehen!" pfiffen die Fledermäuse, und die Hühner gluckten, und die Hähne krähten: "Laßt sie weitergehen, laßt sie weitergehen!" Und so ging die Geschichte von Hüh-nerhaus zu Hühnerhaus und kam zuletzt an die Stelle zurück, von welcher sie eigentlich ausgegangen war.
"Fünf Hühner", hieß es, "haben sich alle Federn ausgerupft, um zu zei-gen, welches von ihnen aus Liebesgram für den Hahn am magersten ge-worden sei - und dann hackten sie sich gegenseitig blutig und stürzten tot nieder, zum Spott und zur Schande ihrer Familie und zum großen Scha-den des Besitzers!"
Und die Henne, welche die lose kleine Feder verloren hatte, kannte na-türlich ihre eigene Geschichte nicht wieder, und da sie eine respektable Henne war, so sagte sie: "Ich verachte jene Hühner, aber es gibt mehrere der Art! So etwas soll man nicht verschweigen, und ich werde das meinige dazu tun, daß die Geschichte in die Zeitung kommt, dann verbreitet sie sich über das ganze Land; und das haben die Hühner verdient und ihre Fa-milie auch."
Es kam in die Zeitung, es wurde gedruckt, und es ist ganz gewiß: eine kleine Feder kann wohl zu fünf Hühnern werden!

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Christian_Andersen




 
   
     
   
     
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