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  2. Der brave Soldat Schwejk - Schwejk holt Meßwein
 

von Jaroslav Hašek (1883-1923)

Der apostilische Feldvikar Doktor Koloman Belepotocky, Bischof von Antiochia, ernannte Augustin Kleinschrodt zum Militärseelsorger in Trient. Zwischen einem gewöhnlichen Geistlichen, einem Zivilpriester und einem Militärgeistlichen besteht ein großer Unterschied. Bei diesem verbindet sich in vollendeter Weise die Religion mit dem Soldatenwesen. Zwei völlig verschiedene Kasten sind hier vereint. Die Unterschiede zwischen beiden Arten von Seelsorgern sind so groß, wie die zwischen einem Dragonerleut-
nant, der an der Militärakademie Reitstunden gibt, und einem Hippodrom-besitzer.
Der Militärgeistliche wird vom Staate bezahlt. Er ist ein Militärbeamter in einer bestimmten Rangstufe, hat das Recht Säbel zu tragen und Duelle auszufechten. Der Zivilseelsorger bekommt zwar auch sein Gehalt vom Staate, doch muß er sich immerhin auch bemühen, aus den Gläubigen Geld herauszuschlagen, um bequem leben zu können.
Der Soldat muß einen gewöhnlichen Priester nicht grüßen, aber einem Mi-litärseelsorger muß er die gebührende Ehrenbezeugung leisten, sonst wird
er eingesperrt. Der Gottesdiener in Zivil muß für politische Agitation sor-gen, die Militärgeistlichen hingegen haben den Soldaten die Beichte abzu-nehmen und sie einzusperren, was der liebe Gott sicherlich damals ins Auge gefaßt hatte, als er diese sündige Erde und später den Augustin Kleinschrodt schuf.
Wenn dieser hochwürdige Herr durch die Straßen von Trient kugelte, sah er von weitem aus wie ein Komet, mit dem der erzürnte Gott die unglück-liche Stadt strafen wollte. Er war fürchterlich in seiner Hochwürdigkeit, und es ging um ihn das Gerücht, daß er in Ungarn bereits drei Duelle gehabt habe, in denen er seinen Gegnern aus dem Offizierskasino, die allzu lax im Glauben waren, die Nasen abgeschlagen hatte.
Nachdem er auf diese Weise das Ausmaß des Unglaubens erringert hatte,
wurde er nach Trient versetzt. Es war gerade zu der Zeit, wo der brave Soldat Schejk den Garnisonsarrest verließ und zu seiner Kompagnie zu-rückkehrte, um in der Verteidigung des Vaterlandes fortzufahren.
Der geistliche Vater der Garnison in Trient suchte zu jener Zeit einen neuen Diener und war gerade auf dem Wege, ihn persönlich unter der Mannschaft auszuwählen.
Was Wunder, daß sein Auge, als er durch die Mannschaftsstube schritt, auf das gutmütige Antlitz des braven Soldaten Schwejk fiel, daß er ihm auf
die Schulter klopfte und sagte: "Komm mit!" Der brave Soldat Schwejk be-gann sich zu entschuldigen, er habe nichts angestellt; aber der Korporal stieß in ihn hinein und führte ihn in die Kanzlei.
In der Kanzlei erklärte der Unteroffizier nach langen Entschuldigungen dem Militärseelsorger, daß der brave Soldat Schwejk ein "Mistvieh" sei. Doch der hochwürdige Herr Kleinschrodt unterbrach ihn: "Ein Mistvieh kann doch ein gutes Herz haben," wozu der brave Soldat Schwejk demütig
mit dem Kopf nickte. Sein lächelndes Gesicht mit den aufrichtigen Augen schaute rundlich aus einem Winkel hervor, und der militärische Seelenhirt
wollte beim Anblick dieses gutmütigen Gesichtes nicht einmal das Sün-denregister des braven Soldaten Schwejk anhören.
Von diesem Augenblick an begann für Schwejk ein glückliches Leben. Er trank im geheimen Meßwein und putzte seinem Vorgesetzten so sauber das Pferd, daß ihn der hochwürdige Priester Kleinschrodt einmal deswe-gen lobte.
"Melde gehorsamst," ließ sich der brave Soldat Schwejk vernehmen, "daß ich alles mach, damit der Gaul so schön is wie Sie."
Dann kamen die großen Tage des Feldlagers bei Castel-Nouvo, wo eine Feldmesse zelebriert werden sollte.
Augustin Kleinschrodt benutzte zu kirchlichen Zwecken nur niederöster-reichischen Meßwein aus Vöslau. Italienischen Wein mochte er nicht ein-mal schmecken, und so kam es, daß er, als der Vorrat ausging, den braven Soldaten Schwejk zu sich rief und ihm sagte: "Morgen früh bringst du aus der Stadt Vöslauer Wein. Geld bekommst du in der Kanzlei; du bringst ein Achtliterfäßchen mit und kehrst sofort zurück. Merk dir: Aus Vöslau in Niederösterreich. Abtreten!"
Schwejk bekam am nächsten Tage zwanzig Kronen. Und damit ihn bei der
Rückkehr die Wache nicht am Betreten des Lagers hindere, wurde ihm ein
Passierschein eingehändigt, in dem stand: "Dienstlich um Wein."
Der brave Soldat Schwejk ging in die Stadt, wiederholte sich gewissenhaft auf dem ganzen Weg: "Vöslau, Niederösterreich", meldete dasselbe im Stationsgebäude und saß dreiviertel Stunden darauf zufrieden in einem Zug, der nach Niederösterreich fuhr.
An diesem Tag wurde der würdige Verlauf der Feldmesse nur durch den herben italienischen Wein in der Kanne getrübt.
Gegen Abend kam Augustin Kleinschrodt zu der Überzeugung, daß der brave Soldat Schwejk ein Halunke sei, der seine militärischen Pflichten vergessen habe.
Das Fluchen Augustin Kleinschrodts war im ganzen Lager zu hören, drang
hinan bis zu den Alpengipfeln und verhallte im Etschtal bei Meran, durch das einige Stunden vorher der brave Soldat Schwejk mit einem zufriedenen
Lächeln und dem frohen Bewußtsein seiner erfüllten Pflicht gefahren war.
Er fuhr durch das Tal, er durcheilte Tunnels, und auf jeder Station fragte er
trocken: "Vöslau, Niederösterreich?"
Endlich erblickte das gutmütige Gesicht des braven Soldaten Schwejk den
Bahnhof Vöslau und der brave Soldat Schwejk zeigte irgendeinem Mann in
einer Dienstkappe seinen Militärpassierschein: "Dienstlich um Wein."
Mit einem freundlichen Lächeln frfagte er, wo hier die Kaserne stehe.
Der Mann mit der Dienstkappe wollte seine Marschroute sehen. Der brave
Soldat Schwejk erklärte, er wisse nicht, was eine Marschroute sei.
Dann kamen noch zwei Männer mit Kappen und begannen Schwejk zu er-klären, daß sich die nächste Kaserne in Korneuburg befinde.
Der brave Soldat Schwejk kaufte sich also eine Fahrkarte nach Korneuburg
und fuhr weiter.
In Korneuburg liegt ein Eisenbahnregiment, und in der Kaserne wunderte man sich sehr, als in der Nacht der brave Soldat Schwejk am Kasernentor auftauchte und der Torwache seine Passierschein zeigte: "Dienstlich um Wein."
"Wir wern bis zum Morgen warten", sagte der Wachkommandant. "Der In-spektionsoffizier ist gerade eingeschlafen."
Der brave Soldat Schwejk legte sich auf ein Kavalet mit dem frohen Be-wußtsein, daß er alles für den Staat tat, was in seiner Macht stand, und schlief zufrieden ein. Am Morgen führte man ihn in die Magazinkanzlei. Dort wies er dem Rechnungsoffizier seinen Passierschein vor: "Dienstlich um Wein", mit dem Stempel: "Feldlager Castel Nuovo, Rgt. 102, Bat. 3" und der Unterschrift des diensthabenden Offiziers.
Der entsetzte Unteroffizier führte ihn in die Regimentskanzlei, wo er vom Oberst einem Verhör unterworfen wurde.
"Melde gehorsamst", sagte der brave Soldat Schwejk, "ich komme über Auftrag des hochwürdigen Feldkuraten Kleinschrodt aus Trient. Ich soll ein
Achtliterfaß Meßwein aus Vöslau mitbringen."
Eine große Beratung hub an. Schwejks gutmütiges, einfältiges Gesicht, sein aufrichtiges, militärisches Verhalten und sein Passierschein: "Dienst-lich um Wein" mit dem ordnungsgemäß ausygestellten Stempel und der Unterschrift, das alles machte den denkbar günstigsten Eindruck und die ganze Sache erschien noch verwickelter.
Eine große Debatte begann. Man sprach dier Ansicht aus, der hochwür-dige Feldkurat Kleinschrodt sei wohl verrückt geworden, und es bleibe nichts anderes übrig, als den braven Soldaten Schwejk mit einer Marsch-route zurückzuschicken. Der Unteroffizier fertigte für Schwejk eine Marsch-
route aus. Er war ein braver Mensch und ihm kam es auf ein paar Kilome-ter nicht an. Er schrieb daher Schwejk eine Rückreise über Wien, Graz, Agram, Triest nach Trient vor. Die Reisedauer setzte er mit zwei Tagen an. Man gab Schwejk eine Krone sechzig in die Hand, der Unteroffizier kaufte ihm die Fahrkarte, und der Koch schenkte ihm aus Mitleid drei Laib Kommißbrot.
Zur selben Zeit ging Feldkurat Augustin Kleinschrodt durch das Lager bei Castel-Nouvo, knirschte mit den Zähnen und sagte nichts, als: "Fangen, binden, erschießen."
Man führte den braven Soldaten Schwejk als Deserteur in Evidenz. Wie groß war die Überraschung, als der brave Soldat Schwejk in der Nacht des vierten Tages beim Eingang ins Lager auftauchte und der Wache lächelnd seine Marschroute aus Korneuburg und seinen Passierschein übergab: "Dienstlich um Wein". Unverzüglich nahm man ihn fest, legte ihm zu seinem Entsetzen Handfesseln an und führte ihn in die Baracke, wo man ihn einsperrte.
Am Morgen brachte man ihn nach der Stadt in die Kaserne.
Gleichzeitig traf eine Zuschrift von seiten des Eisenbahnregimentes in Kor-
neuburg ein, in der man den Oberst fragte, weshalb der hochwürdige Feld-kurat Augustin Kleinschrodt den Soldaten Schwejk um Vöslauer Wein nach Korneuburg geschickt habe.
Nach dem Verhör des braven Soldaten Schwejk, der mit aufrichtigem und seligem Lächeln erzählte, wie sich alles zugetragen hatte, fand eine große
Beratung statt, und der hochwürdige Feldkurat Augustin Kleinschrodt suchte den braven Soldaten Schwejk im Arrest auf.
"Du Viechskerl, du wirst am besten tun, wenn du dich superarbitrieren läßt, damit wir vor dir Ruhe haben."
Doch der brave Soldat Schwejk sagte mit einem aufrichtigen Blick auf den Feldkuraten: "Melde gehorsamst, ich wer Seiner Majestät dem Kaiser die-nen bis zum letzten Atemzug."
 




 
   
     
   
     
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