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  4. Der brave Soldat Schwejk - Schwejk im Arsenal
 

von Jaroslav Hašek (1883-1923)

Und es kam so, wie der hochwürdige Feldkurat prophezeit hatte:
"Schwejk, du Lump, wenn du unbedingt dienen willst, dann wirst du also
im Arsenal dienen. Vielleicht wird dir dort die Lust vergehen."
So lernte also der brave Soldat Schwejk im Arsenal mit Schießbaumwolle
hantieren. Er lud sie in Torpedos. So ein Dienst ist kein Spaß, denn man ist immer mit einem Fuß in der Luft und mit dem andern im Grab.
Doch der brave Soldat Schejk fürchtete sich nicht. Er lebte zwischen Dy-namit, Ekrasit und Schießbaumwolle zufrieden wie ein ehrbarer Soldat, und aus der Baracke, wo er die Torpedos mit diesem furchtbaren Explo-sivstoff lud, drang sein Lied: "Stelle deine Posten auf die feste Brucken, Piemont, Piemont, wir werden doch hinüberrucken. Hop, hop, hop. Hei, das war ein Schlachten, bei Solferino dorten. Blut floß dort in Fülle, floß an
allen Orten. Hop, hop, hop. Blut bis an die Knie, wie im Fleischerladen, weil sich die Achtzehner dort geschlagen haben. Hop, hop, hop."
Nach diesem schönen Lied, das den braven Soldaten Schwejk in einen Löwen verwandelte, kamen andere ergreifende Lieder an die Reihe, von Klößen, so groß wie ein Kopf. Der brave Soldat Schwejk aß nämlich Klöße mit unbeschreiblicher Wollust.
Und so lebte er zhufrieden inmitten der Schießbaumwolle einsam und allein in einer der Baracken des Arsenals.
Eines Tages kam eine Ispektion, die von Baracke zu Baracke ging, um zu schauen, ob alles in Ordnung sei.
Als die Inspektionsoffiziere die Baracke betraten, in der der brave Soldat Schejk mit Schießbaumwolle hantieren lernte, da erkannten sie an den Rauchwolken, die aus seiner Pfeife emporstiegen, daß der brave Soldat Schwejk ein unerschrockener Krieger war.
Als Schwejk die Offiziere sah, stand er auf, nahm vorschriftsmäßg die Pfeife aus dem Mund und legte sie möglichst nahe neben sich, und zwar in ein offenes Stahlfaß mit Schießbaumwolle. Dabei rief er salutierend:
"Melde gehorsamst, nichts Neues, alles in Ordnung."
Es gibt Augenblickeim Menschenleben, wo Geistesgegenwart eine große Rolle spielt.
Der klügste von der ganzen Gesellschaft war der Herr Oberst. Aus der Schießbaumwolle stiegen kleine Rauchkringel empor und da sagte er:
"Schwejk, weiterrauchen."
Das war ein kluges Wort, denn es ist entschieden besser, wenn sich eine
brennende Pfeife im Mund befindet, als in Schießbaumwolle. Schwejk salutierte und erklärte: "Melde gehorsamst, ich werde rauchen." Er war eben ein gehorsamer Soldat.
"Und jetzt kommen Sie auf die Wache, Schwejk!"
"Melde gehorsamst, das geht nicht, weil ich muß hier laut Vorschrift bis sechs Uhr abend bleiben, bis man mich ablösen kommt. Nämlich bei der
Schießbaumwolle muß immer jemand sein, damit kein Unglück ge-schieht!"
Die Inspektion verschwand. Sie raste zur Wachstube, wo die Herren den Auftrag gaben, Schejk durch eine Patrouille holen zu lassen. Die Patrouille
ging ungern, aber sie ging.
Als sie vor die Baracke kam, wo der brave Soldat Schwejk mitten in der Schießbaumwolle mit der brennenden Pfeife saß, rief der Korporal:
"Schwejk, du Lumpenkerl, schmeiß die Pfeife durchs Fenster und komm heraus!"
"Fällt mir nicht ein! Der Herr Oberst hat befohlen, ich soll weiterrauchen, also mußich weiterrauchen, bis man mich in Stücke reißt."
"Komm heraus, du Rindvieh!"
"Melde gehorsamst, ich komm nicht heraus. Es is erst vier Uhr, und Ihr dürft mich erst um sechs ablösen. Bis sechs muß ich bei der Schieß-baumwolle bleiben, damit nicht ein Unglück passiert. Ich bin ja so vorsich ..."
Das "tig" sprach er nicht mehr aus. Vielleicht habt Ihr auch von der großen
Explosion im Arsenal gelesen. Eine Baracke nach der andern flog in die Luft, bis innerhalb dreiviertel Sekunden das ganze Arsenal zerstört war.
In der Baracke, wo der brave Soldar Schwejk mit Schießbaumwolle han-tieren lernte, fing es an, und wie ein Grabhügel wölbte sich über diese Stätte ein Wirrwarr von Brettern, Latten, Eisenkonstruktionsteilen, die von
allen Seiten geflogen kamen, um dem wackeren Soldaten Schwejk, der sich vor der Schießbaumwolle nicht gefürchtet hatte, die letzte Ehre zu er-weisen.
Drei Tage arbeiteten die Pioniere auf der Trümmerstätte und legten Köpfe,
Rümpfe, Arme und Beine zusammen, damit der liebe Gott beim Jüngsten Gericht die Chargen leichter erkennen und sie dementsprechend belohnen könne.
Es war ungeheuer schwierig. Drei Tage räumten sie Bretter, Eisenkon-struktionen von dem Grabhügel Schwejks ab, und in der dritten Nacht, als man in die Trümmerstätte eindrang, hörte man eine angenehme Stimme singen: "Hei, das war ein Schlachten bei Solferino dorten, Blut floß dort in Fülle an allen Orten. Hop, hop, hop."
Bei Fackellicht grub man sich zu der Stimme durch, die sang: "Blut bis an die Knie, wie im Fleischerladen, weil sich die Achtzehner dort geschla-gen haben. Hop, hop, hop."
Und im Schein der Fackeln gewahrten die Retter eine aus Eisenkonstruk-tionen und Brettern entstandene Grotte und in einem Winkel derselben den braven Soldaten Schwejk, der, die Pfeife beiseite legend, salutierte und sagte "Melde gehorsamst, nichts Neues, alles in Ordnung!"
Man führte ihn hinaus aus dieser Trümmerstätte, und als sich der brave Soldat Schwejk vor dem diensthabenden Offizier befand, erklärte er zum zweitenmal: "Melde gehorsamst, alles in Ordnung. Bitte um Ablösung, denn sechs Uhr is schon vorbei, und bitte um "Minaschgeld" für die Zeit,
wo ich begraben war."
Der tapfere Schwejk war der einzige vom ganzen Arsenal, der diese Kata-
strophe überlebt hatte.
Ihm zu Ehren wurde abends in der Stadt von den militärischen Kreisen eine kleine Feier im Offizierskasino veranstaltet. Von Offizieren umringt trank der brave Soldat Schwejk wie ein Bürstenbinder und sein gutes, rundes Antlitz leuchtete vor Freude.
Am nächsten Tag erhielt er "Minaschgeld" für drei Tage so wie im Krieg, und drei Wochen darauf wurde er zum Korporal befördert und bekam die große Kriegsmedaille.
Als er mit ihr und den Sternchen geschmückt seine Kaserne in Trient be-trat, begegnete er Leutnant Knobloch, der erzitterte, als er das gefürchtete gutmütige Antlitz des braven Soldaten Schwejk erblickte.
"Du hast was Schönes angestellt, du Lump", sagte er ihm.
Lächelnd entgegnete hierauf der brave Soldat Schwejk: "Melde gehor-samst, ich hab mit Schießbaumwolle hantieren gelernt."
Und in gehobener Stimmung betrat er den Hof, um seine Kompagnie auf-zusuchen.




 
   
     
   
     
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