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  Eine Großmutter zu Weihnachten


 

Sie saß am Fenster in ihrem schäbigen Lehnstuhl, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ihre welken Hände lagen müde in ihrem Schoß. Sie merkte nicht, wie die Dunkelheit ins Zimmer kroch. Ihre Augen blickten glanzlos durch die trüben Scheiben. Draußen hasteten Leute vorbei, die Geschenke in letzter Minute gekauft hatten. In den umliegenden Häusern gingen die Lichter an, die ersten Kerzen an den Weihnachtsbäumen flammten auf. Kalt war es in ihrem kleinen Zimmer. Die magere Rente reichte nicht mehr für Kohlen. Sie schauderte und zog sich das Tuch enger um die Schultern.
Heiligabend!
Ihre Gedanken gingen weit zurück. Ja, früher, als ihr Mann noch lebte und ihre beiden Jungen noch im Hause waren, da strahlten auch in ihrer Stube Kerzen und glückliches Kinderlachen erfüllte das Haus. Dann kam der Krieg. Ihr Ältester fiel in Russland. Das Haus wurde ein Opfer der Bomben. Nach entbehrungsreichen Jahren hatten sie sich eine neue Existenz geschaffen. Der jüngste Sohn studierte und ging dann nach Amerika. Lange schon hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Als ihr Mann starb, musste sie ihre Wohnung aufgeben, weil das Geld nicht mehr reichte. Einsam war sie jetzt im Alter. Hier und da meldete sich mal eine freundliche Nachbarin, um für sie einzukaufen. Aber im allgemeinen kümmerte sich jeder bloß um sich selbst. Sie legte den Kopf zurück an die Lehne und schloss die Augen. Sie war müde, müde des Lebens.
Es klingelte. Einmal, zweimal, dann recht stürmisch. Es fiel ihr schwer in die Wirklichkeit zurückzukehren. Langsam, fast widerwillig, schob sie die Decke von den Beinen, erhob sich und schlurfte zur Tür.
„Oh, du fröhliche, oh du selige ...“, klang es ihr entgegen. Ein kleiner Tannenbaum, liebevoll geschmückt, hüllte sie in Wärme ein. Leuchtende Kinderaugen sahen sie an. Eine Stimme sagte: „Frohe Weihnachten, Frau Jung!“ Jemand nahm ihren Arm, führte sie zu ihrem Sessel. Mit fassungslosem Gesicht sah sie dem Treiben um sich herum zu. In dem kleinen Ofen knisterte ein Feuer. Auf dem Tisch stand eine Schale mit köstlichem Weihnachtsgebäck und aus einem Topf duftete Glühwein. Ihr zu Füßen kauerten zwei kleine Mädchen und sahen sie strahlend an.
„Und morgen kommen Sie schon zum Mittagessen zu uns. In Zukunft wollen wir uns mehr um Sie kümmern. Eine Großmutter wie Sie, die fehlt unseren Kindern nämlich.“

© Nora Runge




 
   
     
   
     
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