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  Erinnerungen an die Kindheit


 

Meine Kindheit fiel in die Nachkriegsjahre.
Es waren die Jahre, in denen unsere Eltern und Großeltern versuchten, ihr Leben neu zu ordnen. Meine Eltern hatten es besonders schwer, da sie bei einem Bombenangriff in Berlin alles verloren hatten, und sich in Bremen, der Heimatstadt meines Vaters, eine neue Existenz aufbauen mussten.
Wir waren zu dritt, drei Schwestern.
Heute würde man sagen, wir waren arm. Aber das fiel uns Kindern nicht auf, denn zu der Zeit hatten die anderen auch nicht viel mehr. Und unsere Eltern taten alles, um uns trotzdem eine schöne Kindheit zu bereiten.
Besonders gerne erinnere ich mich an die Weihnachtszeit. Es war immer eine anheimelnde Zeit voller Geheimnisse. In der Küche herrschte geschäftiges Treiben. Ein verführerischer Duft von Weihnachtsgebäck zog durch das Haus.
Kamen die Eltern vom Einkaufen, wurde alles gleich versteckt. Puppen verschwanden auf unerklärliche Weise. Plötzlich waren alle Schränke verschlossen.
Wir Mädel schrieben lange Wunschzettel, in der Hoffnung, der Weihnachtsmann würde den einen oder anderen Traum erfüllen.
Tagsüber tollten wir im Schnee. Schnee ... ja, in meiner Erinnerung lag zu Weihnachten immer Schnee.
Kamen wir dann durchgefroren heim, zog unsere Mami uns die nassen Mäntel und Schuhe aus, und rieb unsere Hände und Füße solange, bis sie wieder warm waren.
Wir hatten damals noch einen Kohleofen in der Küche. Über den wurden unsere Sachen zum Trocknen aufgehängt. Die Schuhe wurden mit Zeitungspapier ausgestopft und auf die Klappe vor den Backofen gestellt, damit sie am nächsten Tag wieder trocken waren. Das musste sein, denn wir hatten jeder nur ein Paar Winterschuhe und wenig Kleidung zum Wechseln.
Zum Aufwärmen gab es heißen Pfefferminztee.
Wenn dann die Dämmerung ins Zimmer kroch, saßen wir alle um den Tisch herum, auf dem Adventskranz brannten die Kerzen, und unsere Großmutter, die bei uns lebte, las uns aus einem alten Buch Märchen vor. Der Schein des Feuers, das durch die Ofenringe leuchtete, malte glühende Ringe an die Zimmerdecke. Wir Kinder fühlten uns geborgen und unsere Welt war in Ordnung.
Wenn wir endlich in unseren Betten lagen, wir drei teilten uns ein Zimmer, konnten wir lange nicht einschlafen. Die gehörten Märchen beschäftigten uns und der Gedanke an den Weihnachtsmann ließ unsere Phantasie Purzelbäume schlagen.
Während wir selig träumten, saßen unsere Eltern und die Großmutter bis nachts in der Stube.
Unser Vater baute aus Mandarinenkisten, die der Obsthändler ihm überlassen hatte, Puppenbetten. Damals waren die Früchte noch in ovalen Holzbehältern verpackt, die wie Holzbottiche aussahen.
Unsere Mami nähte die Kissenbezüge dafür, strickte Puppenkleider, und unsere Omi strickte für ihre Enkelinnen Pullover und Röcke.
Für mich hatten sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Ich sollte eine neue Puppe bekommen.
Unser Vater schnitzte den Kopf aus einem Holzstück, der dann von unserer Mutter mit Stoff überzogen wurde. Papi malte ihm ein Gesicht, und dann bekam er Haare aus Wolle. Aus alter Unterwäsche wurde ein Balg genäht und mit Watte ausgestopft.
Dann wurde für die Bunten Teller gesorgt. Sie waren für uns damals das Schönste am Weihnachtsabend. Köstlichkeiten wie Apfelsinen, Äpfel aus Opa's Garten, Nüsse und Schokolade, die schon Wochen vorher gekauft und vor uns versteckt wurde, wurden gerecht auf sechs Teller verteilt. Jeder bekam seinen eigenen Teller.
Aus Puderzucker, Mandel und anderen geheimen Zutaten machte unsere Mutter selber leckeres Marzipan. Unser Vater formte daraus mit viel Liebe kleine Schweinchen, Männchen und Kugeln. Ich weiß noch: wenn wir die Leckereien vernaschten, wurde uns immer gesagt: 'Paßt auf!' Denn die Arme und Beine der Figuren waren mit Streichhölzern festgesteckt.
So vergingen die Tage bis zum Heiligabend.
Mittags wurde der Baum aufgestellt. Meistens war er viel zu groß und musste noch bearbeitet werden. Mit Säge und Beil rückte Papi ihm zu Leibe, bis er endlich in den Baumständer paßte. Die abgesägten Äste wurden dann im Herd verbrannt, und ein wunderbarer Duft von Tanne zog durch die Wohnung. Unser Papi war dann für Stunden nicht mehr zu sprechen. Er ging ins Wohnzimmer, schloß die Tür hinter sich und schmückte den Baum.
Unsere Omi stand in der Küche und machte Kartoffelsalat. Den gab es bei uns jeden Heiligabend, dazu Würstchen. Dann wurden die 'Mohnpielen' zubereitet, eine Tradition, die sie aus Berlin mitgebracht hat.
Unsere Mutter bereitete das Badewasser für uns Kinder vor. Nach dem Bad wurden wir ins Bett gesteckt, damit wir abends nicht so quengelig waren. Aber ans Schlafen war nicht zu denken. Dafür waren wir viel zu aufgeregt. Wir horchten nur, ob und wann der Weihnachtsmann endlich kommt.
Unsere Mami nutzte die Zeit, die Bescherung vorzubereiten.
Endlich war es dann soweit!
Wir wurden von den Qualen der Warterei erlöst und durften ins Wohnzimmer.
Der Weihnachtsbaum war für uns Kleinen immer ein Wunder. Die Kerzen strahlten hell und hüllten das ganze Zimmer in ein geheimnisvolles Licht. Die Tanne war immer reichlich mit Zuckerwerk geschmückt. Übrigens sehr zur Freude unseres Schäferhundes „Hasso“. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, holte er sich alle Kringel, die er erreichen konnte, vom Baum. Unsere Teller mussten wir vor dem verfressenen Hund immer in Sicherheit bringen.
Unter dem Baum standen die Teller mit den Naschereien, und für jede von uns lag dort ein kleiner Stapel Geschenke.
War das ein Jubel, als wir die Puppenbettchen entdeckten! Mit großer Freude wurden auch die heimgekehrten Puppenkinder begrüßt, die in ihren neuen Kleidern allerliebst aussahen.
Meine neue Puppe, die den Namen „Hulda“ bekam, ließ ich den ganzen Abend nicht aus meinen Armen. Sie sollte für viele Jahre meine Lieblingspuppe werden.
Für unsere Eltern und unsere Omi hatten wir Kinder auch Geschenke. Selbstgebastelte Sterne und Bilder, die wir gemalt hatten. Als unsere Mutter starb, fanden wir diese noch in ihren Schränken ... sie hatte sie all die Jahre aufgehoben.
Nach dem Abendessen saßen wir Kinder mit glühenden Gesichtern auf dem Boden und spielten mit unseren neuen Spielsachen.
Die Erwachsen taten sich am Glühwein gut und freuten sich, dass ihnen die Überraschungen für uns gelungen waren.
Dann stellte Papi das Radio an und wie jedes Jahr klangen aus dem Apparat: „Grüße aus der Heimat für Seeleute auf See“. Das war eine Sendung, die von „Norddeich-Radio“ ausgestrahlt wurde. Dort hatten die Verwandten der Seeleute Gelegenheit, ihre Lieben auf See zu grüßen und mit ihnen zu reden. Die Großen hörten der Sendung gerührt zu und wir sahen, wie sie sich manchmal verstohlen eine Träne aus den Augen wischten.
Wenn die Schlafenszeit für uns kam, konnten wir uns kaum von unseren Spielsachen trennen. Müde und überglücklich kuschelten wir uns in unsere Betten und träumten dem nächsten Tag entgegen.
Heute habe ich eigene Kinder. Ich versuche, ihnen die Geborgenheit und Vorfreude der Weihnachtszeit meiner Kindheit zu geben. Aber wenn ich sehe, wie sie beschenkt werden und welcher Aufwand zum Heiligen Abend betrieben wird, denke ich daran, mit wie wenig man uns damals glücklich machen konnte. Die Weihnachtsabende meiner Kindheit werden immer ein Teil meiner schönsten Erinnerungen bleiben.

© Nora Runge




 
   
     
   
     
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