Gezubbel-Texte

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  Mein Geburtstag


 

Ein zärtlicher Kuß weckt mich aus meinen Träumen. "Alles Liebe zum Geburtstag, mein Schatz ......Das Frühstück ist fertig." Benommen murmle ich so was wie "Danke" und räkle mir den Schlaf aus den Gliedern. Langsam komme ich zu mir und gebe mich mit geschlossenenen Augen meinen Gedanken hin. Nicht lange, denn mir fällt ein, was ich noch alles zu tun habe, bevor unsere Gäste kommen. Also raus aus dem Bett, so schwer es auch fällt! Unter der Dusche werde ich endlich richtig wach und versuche einen Plan für die anstehenden Arbeiten zu machen. Leichte Hektik kommt auf. Die Tortenböden müssen noch gefüllt werden, die Zutaten für den alljährlichen Zwiebelkuchen vorbereitet werden, der Kaffeetisch muss gedeckt werden - zum Glück fällt heute das Mittagessen aus! Ich nehme mir fest vor, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen! Beim Zähneputzen fällt mein Blick in den Spiegel. Eigentlich sehe ich so aus wie immer - oder doch nicht? Ich spüle mir den Mund aus und betrachte mein Spiegelbild eingehender. Komisch. War diese leichte Falte neben dem Auge gestern auch schon da? Ein graues Haar! Ich rupfe es raus. - 'Du spinnst!', rufe ich mich selbst zurück. 'Bloß weil Du heute ein Jahr älter bist, hast Du Dich über Nacht nicht verändert! Also keine Panik!' Ich mache mich fertig und gehe in die Küche. Mein Mann schaut mich erwartungsvoll an. Er hat den Tisch mit viel Liebe gedeckt. Auf dem Früühstücksteller liegen eine rote Rose und ein kleines Päckchen. Ich setze mich, schnuppere an der Rose und öffne das Päckchen. Nein! Ich bin ganz weg! Die Kette mit den blauen Steinen, die ich heimlich immer im Schaufenster von Christ bewundert habe! Ich springe auf und falle meinem Mann um den Hals: "Danke! Die habe ich mir so sehr gewünscht!" Mein Göttergatte lächelt nur: "Ich weiß ..." Fast zwei Stunden sitzen wir am Frühstückstisch. Lesen uns, wie jeden Tag, gegenseitig aus der Zeitung vor und lösen zusammen das Kreuzworträtsel. Dann drängt die Zeit. Mein Mann macht sich auf, um noch einige Kleinigkeiten einzukaufen. Ich mache mich über die Torten her. Fülle sie mit Sahne und Mandarinen. Koche den Guss für die Heidelbeertorte. War ja klar! Wie immer schwappt das rote Zeugs über den Tortenrand auf das Tortendeckchen! Nur ruhig Blut! Ich habe noch Zeit genug. Dann klingelt das Telefon. Meine Freundin, die mir gratulieren will. "Ich will Dich auch nicht lange stören." Nach einer halben Stunde kann ich endlich den Hörer auflegen. Jetzt die Zwiebeln und den Speck schneiden. Ein Kilo Bollen! Das wird wieder ein Spaß! Aber erst den Hefeteig ansetzen. Ich stehe mit Tränen überströmtem Gesicht am Tisch, als mein Mann seine Einkäufe präsentiert. Er greift sich ein Messer samt Brett und würfelt den Speck. Nett von ihm. Dadurch habe ich etwas Luft. Aber er muss wieder weg, die Verwandtschaft einsammeln: Schwiegermutter und drei Tanten. Also nimmt er seinen Autoschlüssel, fährt nach Bremen und holt die alten Damen in ihrer Wohnung ab. Ich rolle den Teig aus, lege ihn auf's Blech, streiche den Belag auf und stelle ihn in den Kühlschrank. Der Zwiebelkuchen soll erst gegen Abend in den Ofen. Wieder läutet das Telefon. Meine Cousine aus Berlin. Langsam läuft mir die Zeit davon. Um 16 Uhr soll das Kaffeetrinken beginnen. Auf ins Wohnzimmer, den Kaffeetisch decken. Leider ruft gerade jetzt eine frühere Nachbarin an. Gnade! Sie ist bekannt dafür, dass sie redet wie ein Wasserfall. Nach einigen Minuten muss ich ihr ins Wort fallen: "Danke für Deinen lieben Anruf. Muss mich beeilen. Ich melde mich wieder." Jetzt die Servietten falten. Gar nicht so einfach, "Seerosen" zustande zu bringen, wenn einem die Zeit im Nacken sitzt. Hätten wir bloß nicht so viel Zeit mit dem Frühstück vertrödelt. Ach was! Es war schön! Umziehen muss ich mich auch noch! Eigentlich könnte ich jetzt eine Dusche vertragen. Keine Zeit mehr! Kurz frisch gemacht, rein in die Klamotten. Mein Gegenüber im Spiegel sagt mir: Könntest etwas Farbe im Gesicht vertragen. Nun gut! Wimpern tuschen, Lippen nachziehen. Plötzlich sehe ich aus wie ein trauriger Clown: Tusche verschmiert. Also wieder abschminken, nochmal von vorn. Der Zeiger auf der Uhr rennt gnadenlos! Es klingelt. Meine Mutter steht vor der Tür. Nach einer herzlichen Umarmung kommt die Frage: "Kann ich Dir helfen?" Jaaaa - welch ein Glück! Sie schlägt die Sahne, mahlt den Kaffee und bereitet die Kaffeemaschine vor. Ich stelle ihre Blumen ins Wasser. So haben wir noch Zeit für eine Zigarette. Meine Mutter legt mir ihr Geschenk auf den Tisch. Als ich es ausgepackt habe, weiß ich vor Rührung nicht, was ich sagen soll. Sie hat den Trauring meiner Großmutter umarbeiten und einen Diamanten einsetzen lassen. Unter Tränen bedanke ich mich. Die Wohnungstür geht auf, mein Mann kommt mit der Verwandtschaft. Mit der Ruhe ist es schlagartig vorbei. Nachdem der Besuch sich seiner Mäntel entledigt hat, verfrachte ich ihn samt Ehemann ins Wohnzimmer. Meine Mutter und ich schneiden die Torten auf. Der Kaffee ist zum Glück auch schon fertig. Alles auf den Servierwagen, noch einmal tief durchatmen - und auf in die Schlacht. Zur Begrüßung gibt es ein Glas Sherry. Nachdem auf mein Wohl getrunken wude, geht es ans Geschenke auspacken. Die Tanten haben sich rührend bemüht, mir eine Freude zu bereiten. Jetzt kommt das Päckchen meiner Schwiegermutter an die Reihe. Zum Vorschein kommt ein Nachthemd: Bodenlang, mit langen Ärmeln und bis zum Hals geschlossen, aus Single-Jersey mit Streublümchen übersät. Für einen Moment verschlägt es mir die Sprache. - Joi, wie sexy! Meine Mutter zwinkert mir zu. "Gefällt es Dir? Ich habe extra eines genommen, das Du nicht bügeln mußt. Ich weiß doch, dass Du das nicht gerne machst", kann Schwiegermama sich nicht verkneifen. - Uff, das saß! Ich heuchle Begeisterung, weiß aber schon, dass das Prachtstück in der äußersten Ecke des Kleiderschrankes verstaut wird. Mein Mann rettet die Situation, indem er Kaffee einschenkt und Kuchen nach Wunsch auf die Teller verteilt. Es wird eine sehr unterhaltsame Kaffeestunde, auch deshalb, weil meine Schwiegermutter es nicht lassen kann, immer wieder kleine Niedlichkeiten an den Mann (Schwiegertochter) zu bringen. Aus dem CD-Player plärrt es: ' Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermißt ...' Ich verziehe mich in die Küche, das Abendessen vorzubereiten. Als ich gerade den Zwiebelkuchen in die Röhre schiebe, kommen unsere Söhne, der Älteste mit seiner Freundin. Natürlich möchten sie noch was vom Geburtstagskuchen haben. Der Tisch muss nochmal gedeckt werden. Diesen Part übernimmt freundlicherweise der Große mit Freundin. Ich bin froh, dass die Jungs gekommen sind, so ist meine Schwiegermutter beschäftigt. Der obligatorische Zwiebelkuchen - gibt es jedes Jahr zu meinem Geburtstag - kommt auf den Tisch. Dazu gibt es Federweißer. Allen mundet es und alle greifen kräftig zu. Nur die Mutter meines Mannes stochert auf ihrem Teller herum: Der Speck ist zu hart, sie kann ihn nicht beißen. Die Zwiebeln verursachen Blähungen. Da geht es ihr die nächsten Tage schlecht. Als verständnisvolle Schwiegertochter gehe ich in die Küche und mache Butterbrote für sie. Im Stillen wünsche ich, der Abend gehe bald zu Ende. Die Kinder räumen den Tisch ab, mein Mann bietet Wein an. Schwiegermutter führt während der folgenden Stunden das Wort und buhlt mit meiner Mutter um die Gunst der Enkel. Es ist immer dasselbe! Nur gut, dass meine Mutter das alles mit Humor nimmt. Gegen 22 Uhr drängt mein Mann zum Aufbruch, schließlich muss er seine Mutter und die Tanten wieder nach Bremen chauffieren. "Es war wieder nett bei Euch. Der Kuchen hat sehr gut geschmeckt, aber das Abendessen ..." Ich schwöre mir, nächstes Jahr fällt die Einladung flach! Meine Mutter und unsere Kinder bleiben noch einen Augenblick. Sie amüsieren sich noch nachträglich über meine Schwiegermutter. Ich fand das alles gar nicht so lustig. Sie verabschieden sich mit den Worten: "Nimm's nicht so tragisch. Du kennst sie doch." Endlich Ruhe! Nachdem ich das Wohnzimmer gelüftet habe, mach' ich es mir auf der Couch bequem, rauche genußvoll eine Zigarette und laß den Tag Revue passieren. Nach etwa zwei Stunden kommt mein Mann zurück, sichtlich erleichtert. Er legt eine CD auf, öffnet eine Flasche Rotwein und setzt sich zu mir. Endlich beginnt der Tag doch noch schön zu werden - MEIN Geburtstag! � Nora Runge




 
   
     
   
     
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