Gezubbel-Texte

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  Susi und Max


 

Unser Ältester war gerade vier Jahre alt, als er mit uns an einem Samstag den Wochenmarkt besuchte. Er tollte zwischen den Ständen herum, bis er vor einem fasziniert stehen blieb.
"Mami, Papi, guckt mal! Ganz viele kleine Enten!" Er steckte uns mit seiner Begeisterung an. Schließlich hockten wir Drei vor den Käfigen und bewunderten das Federvieh. Sie waren wirklich goldig anzusehen, wie sie piepsend durcheinander kullerten.
Der Verkäufer legte unserem Sohn eines der kleinen Federbällchen in die Hände. Damit fing alles an!
Der Kleine war nicht mehr von dem Tier zu trennen. Er wollte unbedingt diese Ente haben!
"Stefan, das geht nicht! So eine Ente braucht einen Stall. Unser Garten ist zu klein. Außerdem weißt Du, dass unser Hauswirt keine Tierhaltung erlaubt."
Es war vergebliche Liebesmüh. Unser Sprößling war keinen Argumenten zugänglich. Mein Mann wurde energisch. "Stefan, setze jetzt die Ente in den Käfig! Wir wollen noch einkaufen." Der Junge schüttelte nur den Kopf und drückte das piepsende Etwas zärtlich an seine Brust. "Stefan, guck' mal: Diese kleine Ente würde sich bei uns sehr einsam fühlen. Sie würde ihre Geschwister vermissen", versuchte ich unseren Filius umzustimmen. Der Verkäufer, der bisher nur grinsend daneben stand, griff ein. Allerdings anders, als wir es wollten. "Junge Frau, das ist doch alles kein Problem! Nehmen Sie zwei Enten. Die brauchen auch keinen Stall. Ein kleiner Drahtverhau auf dem Rasen reicht völlig aus." Stefan war Feuer und Flamme. "Au ja, Mami, die können dann das Gras vom Rasen fressen. Und ich kann immer mit ihnen spielen." "Stefan, das geht nicht! Sei vernünftig!" "Bitte, bitte, bitte!" "Nein, Stefan!" Das gerade noch strahlende Kindergesicht verzog sich. Das Weinen wurde immer heftiger. "Papi, bitte. Ich habe die Ente doch lieb." Er zog alle Register, um seinen Papi zu überzeugen. Und er schaffte es! Welcher Vater kann schon seinem schluchzenden Sohn widerstehen. Um nicht als die böse Mami dazustehen, gab ich schließlich nach.
Hätte ich doch nur geahnt, was auf mich zukommen würde!
"Und was mache ich mit den Tieren, wenn sie groß sind?", fragte ich, in der Hoffnung, mein Mann könnte es sich anders überlegen. "Junge Frau, das ist doch ganz einfach! Wenn die Enten fett genug sind, bringen Sie sie zu mir. Ich schlachte sie dann für Sie." Tolle Aussichten! Unser Stefan sah den Mann ganz entsetzt an. Zum Glück verstand er den Sinn der Worte nicht.
Beflissen besorgte der Händler einen Karton, setzte die beiden Entenküken hinein. Mit einem Beutel Futter für den ersten Hunger und vielen guten Ratschlägen zogen wir mit unserem jubelnden Sohnemann von dannen. Daheim angekommen, suchten wir erst mal nach einem großen Karton, als Bleibe für die Vögel.
Während wir das "Enten-Haus" mit Gras auspolsterten, lag unser Sohn rücklings auf dem Rasen, in jedem Arm ein Enten-Küken. Sie hatten ihn als "Papa" anerkannt.
Am nächsten Tag bauten wir einen Drahtverschlag und versenkten darin eine alte Wanne, den die Enten als "Teich" benutzten.
Unser Sohn tollte den ganzen Tag mit seinen neuen Freunden durch den Garten. Susi und Max, so nannte er sie, watschelten hinter ihm her. Es war rührend anzusehen.
So verging das Frühjahr. Das Federvieh und Sohnemann waren ein Herz und eine Seele.
Im Sommer kam Stefan in den Kindergarten und verlor jegliches Interesse an den Tieren. Die Freunde aus dem Kindergarten waren wichtiger.
Da saß ich also mit den beiden Vögeln!
Dank meiner guten Pflege waren sie schon recht groß geworden und hatten an Gewicht zugenommen. Jeden Freitag fuhr ich in die Mühle und holte Kraftfutter und Hafer für sie. Abends mussten sie eingefangen werden, um in ihrem Karton zu übernachten. Das war jedesmal ein Theater! Wenn ich abends an ihrem Gatter erschien, wussten sie, was die Stunde geschlagen hat. Dann sausten sie quer durch's Gehege und ich hinterher. Da das ganze Heck voller Entenkot war, lief man wie auf einer Rutschbahn. Zur Freude meines Sohnes bin ich eines Abends ausgerutscht und habe mich bäuchlings lang hingelegt. Man, war ich wütend! Am liebsten hätte ich den Viechern den Hals umgedreht! Es muß ein Bild für die Götter gewesen sein.
Mehr als ein Mal sind sie mir entwischt und wir lieferten uns eine Verfolgungsjagd durch den Garten. Wenn ich sie dann endlich fest im Griff hatte, kam das nächste Problem. Zwar hatte der Karton genügend Fläche, aber an Höhe haperte es. Das Federvieh hatte inzwischen so lange Hälse bekommen, dass sie oben aus dem Karton herausguckten. Also musste ich ihnen,  so leid es mir auch tat , die Köpfe herunterdrücken, damit der Deckel zuging und sie nicht aus der Pappe herausspringen konnten.
Unsere Nachbarn brauchten keinen Wecker mehr. Morgens um Fünf fingen die beiden an zu schnattern. Damit machten sie mich Langschläfer zum Frühaufsteher.
Im Herbst war es dann soweit. Ich hatte die Nase gestrichen voll! Wir brachten die beiden Enten zu dem Bauern, der sie uns verkauft hatte. Er war sehr angetan von ihrem Gewicht und versprach, sie für uns zu schlachten. Am Wochenende sollten wir sie dann gerupft und ausgenommen abholen.
Voller Erwartung auf einen schönen Weihnachtsbraten machten wir uns am nächsten Samstag auf den Weg.
Er übergab uns einen Karton. Auf die Frage, was er für das Schlachten bekäme, meinte er: "Das ist Kundenservice."
Zuhause öffneten wir den Karton und waren sehr überrascht. Statt unserer fetten Enten lagen in dem Papier zwei Knochengerippe. Zwei Enten, die wahrscheinlich eines Hungertodes gestorben waren. Das durfte doch nicht wahr sein! Dafür hatte ich mich monatelang verrückt gemacht!
Am nächsten Wochenende standen wir vor seinem Stand, um uns zu beschweren.
"Dscha, meine Dame, die liefen ja auch noch einige Tage im Entenhof herum. Da haben sie an Gewicht verloren."
Das nennt man Bauernschläue: Der hat unsere fetten, mit Kraftfutter aufgezogenen Enten verkauft, und uns zwei aus seinem Bestand angedreht!

© Nora Runge




 
   
     
   
     
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