
Gedichte & Balladen
Trost der Nacht
0 Aufrufevon Gottfried Kinkel (1815 - 1882)
Es heilt die Nacht des Tages Wunden,
Wenn mit der Sterne buntem Schein
Das königliche Haupt umwunden
Sie still und mächtig tritt herein.
Die milden, leise Hauche kommen,
Der Farben helle Pracht erblaßt;
In weicher Linie ruht verschwommen
Des scharfen Zackenfelsens Last.
So legt die Nacht mit Muttergüte
Sich um die Seele schmerzensvoll:
Es läutert still sich im Gemüte
Zur Wehmut jeder bittre Groll.
Die Thränen, die vergessen schliefen,
Nun strömen sie in mächt'gem Lauf:
Es steigt aus wunden Herzenstiefen
Ein rettungahnend Beten auf.