
Gedichte & Balladen
Die Schärpe
0 Aufrufevon Wilhelm Müller (1794 - 1827)
Es war eine Königstochter,
Blauäugig, lilienschlank;
Die spann eine silberne Schärpe
Viel Sommermonde lang.
Sie saß auf hohem Stuhle,
Vor ihres Schlosses Thür,
Im hellen Mondenscheine
Und webte für und für.
Da zogen viele Ritter
Alltäglich aus und ein,
Und jeder dacht'' im Herzen:
Wes wird die Schärpe sein!
Sie sah nicht auf vom Werke,
Hielt keiner Frage stand;
Sie stickte ihren Namen
Schwarz in das weiße Band.
Da kam ein Sturm geflogen
Hoch von den Bergen her,
Und riß vom leichten Rahmen
Die Schärpe fort ins Meer.
Die Magd saß unbetroffen,
Als müßt' es also sein,
Stand auf von ihrem Sessel
Und ging zur Kammer ein.
Sie zog aus ihrer Lade
Ein schwarzes Trauerkleid -
Wer trug um eine Schärpe
Wohl je so schweres Leid?
Drei Tage und drei Nächte
Sie saß in dunkler Tracht,
Da tönt das Horn des Wächters
Wohl in der dritten Nacht.
Ein Bote hält am Thore,
Trägt ferne Kunde her:
Gescheitert schwimmt die Flotte
Des Königs auf dem Meer.
Und an das Ufer warfen
Die Wogen mit der Flut
Viel edle Heldenleichen
Viel reiches Heldengut.
Es stand die Königstochter
An ihrem Fensterlein:
"Sag', Bote, was flattert am Arme
So hell dir im Mondenschein?"
Es ist eine silberne Schärpe,
Die bring' ich her vom Strand;
Da wand ich einem Ritter
Sie aus der starken Hand.
"Des thäts du dich nicht rühmen,
Wenn er am Leben wär' ;
Geh, trag' ihm deine Beute
Zurück zum blauen Meer.
Und wenn ihr ihn begrabet,
Legt auch die Schärpe bei,
Und neben seinem Lager
Laßt eine Stelle frei."