
Gedichte & Balladen
Nachbar Helm und seine Linde
0 Aufrufevon Franz Cornelius Honcamp (1805 - 1866)
Im Häuslein gegenüber, da wohnt ein Zimmermann,
Heut' vor dem Haus die Linde hub er zu fällen an.
Ich sprach: "Gott grüß' euch, Nachbar! doch sagt, was ihr beginnt?
Der Baum beschützt das Häuslein vor Wetter doch und Wind."
Da hielt er ein und schaute von seiner Arbeit auf,
Und sah mich an und blickte zur Linde hoch hinauf;
Dann legt' er beide Hände still auf sein Arbeitszeug,
Lehnt' an den Baum und sagte: "Nachbar, ich danke euch.
"Die Linde pflanzte mein Vater, als ich geboren war,
Sie grünt und blüht alljährlich schon über siebzig Jahr;
Mein Weib am Hochzeittage - sie war ein junges Blut -
Steckte mir von diesem Baume ein Zweiglein an den Hut.
"Viel Gäste thät' ich laden, zu enge war das Haus,
Hier unter dieser Linde, da hielten wir den Schmaus;
Ein Sohn ward uns geboren, da gab sich's viel zu freu'n,
Und seinen Namen grub ich in diese Linde ein.
"Die Linde wuchs und prangte, der Knabe ward ein Mann;
Bei Leipzig in der Eb'ne stand er im Heeresbann;
Zum Kampfe ziehend trug er zwei Lindenzweig' am Hut;
Bei Leipzig an den Wällen verrann sein junges Blut.
"Nun hängt in unsrer Kirche die Tafel an der Wand,
Da steht: "Franz Helm, gestorben für König und Vaterland."
Mein Weib und ich, wir weinten viel um den guten Franz,
Wir wanden um die Tafel frisch einen Lindenkranz.
"Seht, unsre besten Tage, die waren nun dahin;
Der Franz lag meiner Alten zu sehr in Herz und Sinn;
Sie konnt' sich nicht mehr freuen, ich konnt' es auch nicht mehr,
Gott hat sie heut erlöset von Jammer und Beschwer.
"Seht, Nachbar, nun beginn' ich die Linde umzuhau'n;
Ich will für meine Alte draus einen Sarg erbau'n;
Ich hab' den Baum gemessen, wohl hält er Holz zu zwei'n;
Bald zimmer' ich auch den andern, und ihr - legt mich hinein."