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Geschichten & Märchen

Der kleine Leo

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Robert Hamerling (1830-1889) Am Tag der Weihnacht, wo den andern Kindern Der Christbaum freudenreich ward aufgerichtet, Begruben sie den armen kleinen Leo. Nasskalte Winde wehten, rieselnd fiel Schneeregen, als der kleine Leichenzug Sich mit dem Kindersarge durch die Straßen Bewegte, rings umdrängt von dem Gewimmel Der Leute, die, mit reicher Weihnachtsfracht Beladen, frohgeschäftig heimwärts eilten. Als angelangt das trauernde Geleit Im Friedhof, legten in die Grube sie Den armen Leo, schütteten das Grab Mit Erde zu, und gingen fort, und ließen Allein den Kleinen in dem kalten Bettchen. Es dunkelte. Die Flocken fielen dichter, Und aufgehäuft war überm frischen Grab Des Kindes bald ein Hügel weißen Schnees. Kalt war und schauerlich die Lagerstätte Des kleinen Leo. Aber um so tiefer Schlief er, und um so schöner war sein Traum. Denn stets, je rauer ist die Wirklichkeit, Um desto schöner ist der Traum, und Kinder, Die man begräbt am heil’gen Weihnachtsabend, Die träumen in der gnadenreichen Nacht Im Grab vom Christkind und vom Himmelreich. So fand denn auch das Knäblein Leo sich Entrückt hoch in den gold’nen Himmelssaal. Von Glanz umgeben, staunt er, denkt: "So schön Sah ich noch nie den Christbaum aufgerichtet, Wie diesmal!" - Das Christkind kommt heran Und nimmt ihn freundlich bei der Hand und führt Ihn überall umher und zeigt ihm all Des Himmels Herrlichkeiten, gibt zu kosten Ihm wunderbare Süßigkeiten, beut Ihm hundert schöne, goldne Geschenke, Und goldenes Gewand, und gold’ne Flügel. Die Engel plaudern mit ihm, reichen ihm Zum Spielen kleine Sterne und den Mond, Den er so oft vergebens sich gewünscht, Und schaukeln ihn auf einer Schaukel, die Von einem Himmelsrand zum andern fliegt, So dass er hell aufjauchzt in kin’scher Freude. Dann singen sie ihm himmlisch holde Weisen, Und tanzen mit ihm um des Himmels Tür. Zuletzt doch wird der kleine Leo müd’, Es fallen trunken ihm die Äuglein zu Allmählich unter all den Wunderdingen, Und nichts mehr will er jetzt als ruhen, schlafen. Da bringt das Christkind ihn zu Bette, breitet Ihm weiche Kissen unter, deckt ihn sanft Mit einer lilienweißen Hülle zu. Und jetzo schläft der kleine Leo wie Nach Mitternacht die andern Kinder auch, Wenn sie den Christfestjubel durchgekostet. Sag nicht, die haben Wirkliches genossen Und Leo nur geträumt. Sie träumten alle! Sie träumten jenen alten, gold’nen Traum Von Glück, das ohne Leid - von Glück, das eins Mit Himmelslust, mit himmlisch holder Rast. Nicht ganz ein leerer Wahn ist dieser Traum! Und niemand träumt ihn schöner als die Kinder, Und niemand träumt ihn süßer als die Toten.

Themen: Weihnachtserzählungen