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Geschichten & Märchen

Der Richter und der Teufel

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von Ludwig Bechstein (1801-1860)

Es gab mal in einer Stadt einen Mann, der hatte Kisten und Truhen voller Gold und wertvoller Sachen. Er hatte dabei einen so schlechten Charakter, daß die Leute sich wunderten, daß die Erde sich nicht auftat und ihn verschlang.

Dabei war der Mann aber von Beruf Richter, aber er war ein solcher, der Gerechtigkeit nicht verstand und Untaten dafür lobenswert fand.

An einem Markttag ritt dieser Mann zu seinem Weinberg, um zu sehen, wie die Reben schon gewachsen waren. Grad, als er auf dem Rückweg wieder war, stand an der Straße ein vornehm gekleideter Herr. Das Gewand war kostbar, doch der Träger kein Geringerer als der Teufel selber.

Der Richter, auch so ein harscher und unmöglicher Mensch, fragte unhöflich, wer der Fremde sei und was er da wolle.

Der Teufel antwortete ihm: "Für Euch wäre es besser, wenn Ihr es nicht wißt, wer ich bin und was ich will!"

Der Richter, von sich eingenommen wie er war, drohte mit harten Worten: "Ha, wer Ihr auch seid oder welchen Rang Ihr habt, dennoch seid Ihr in meiner Hand. Ich habe hier die Macht und wenn ich Euch Leib und Leben nehmen will, keiner hier könnte Euch helfen. Und ich werde mir beides nehmen, wenn Ihr mir nicht Rede und Antwort steht!"

"Bei Eurer Gewaltherrschaft muß es hier ja schlimm zu gehen" sagte der Fremde. "Nun, dann werde ich Euch verraten wer ich bin - ich bin der Teufel"

"So, so" sagte der Richter, nun etwas bestürzt, "und was wollt Ihr hier?"

Der Teufel lachte und antwortete "Heute geh' ich in Eure Stadt, Herr Richter, und nehme mir das, was mir gefällt".

Der Richter sagte: " Wohlan, tut, was Ihr wollt, doch ich will sehen, was Ihr Euch nehmt".

Der Teufel riet ihm ab davon, es wäre besser, wenn der Richter nicht dabei sei, wenn der Teufel sich holte, was er wollte. Da besann sich der Richter auf alte Bannsprüche und fing an, den Teufel zu beschwören. "Ich befehle Dir bei Gott und seinen Geboten und seiner Gewalt und Gottes Zorn, daß Du Dir nichts anderes nimmst, als was man Dir sowieso freiwillig geben will".

Diese Beschwörung war hart für den Teufel und er antwortete verdrossen: "Dies ist nicht die Art, die einem das Leben freuen läßt. Du beschwörst mich so stark, daß ich mich beugen muß. Aber als Fürst der Hölle gebe ich Dir mein Wort, daß es nicht Dein Vorteil sein wirst, wenn Du dabei sein willst. Ich rate Dir noch mal ab".

Der Richter weigerte sich. "Nein, ich muß sehen, was Du nimmst und wenn es mich reuen sollte. Mein Befehl bleibt bestehen!"

In der Stadt gingen die beiden nun über den Markt, der voller Leute war. Dem Richter und auch seinem Begleiter, den niemand kannte, bot man Geschenke und Gläser voll Wein an. Der Richter nahm alles gewohnheitsmäßig, reichte auch dem Teufel einen Krug, aber dieser nahm ihn nicht, da er wußte, das Angebot des Richters kam nicht von Herzen.

Eine alte Frau trieb grade ein Schwein auf den Markt. Aber das Tier ging nicht, wie sie es wollte, sondern hüpfte mal hier, mal dort hin. Voller Wut schrie die alte Frau: "Geh zum Teufel, er soll dich mit Haut und Haaren holen".

Der Richter lachte und wandte sich zu seinem Begleiter: "Hörst Du, Fürst! Nimm es Dir, es ist Dein!"

Der Teufel antwortete düster: "Das kann und will ich nicht. Die Frau meint es nicht ernst, sie würde sich zu Tode grämen, wenn ich das Schwein nehmen würde. Dein Bannfluch erlaubt mir nur zu nehmen, was mir vollkommen im Ernst und freiwillig gegeben wird".

Ein Kind machte an einer anderen Stelle seiner Mutter das Leben schwer, denn es ging auch nicht so, wie die Mutter es gern gehabt hätte. Sie begann zu schelten: "Der Teufel soll dich holen, wenn du jetzt nicht bald so gehst, wie ich es dir bei gebracht habe".

Und wieder sagte der Richter: "Hörst Du? Das Kind gehört Dir, die Frau will es Dir geben"

"Oh nein", antwortete der Teufel, "wenn ich es täte, sie würde bitterlich weinen. Sie meint es nicht von Herzen, nur mit dem Mund".

Bald kamen die beiden auf ihrem Rundgang über den Markt zu einer anderen Frau, deren Kind noch viel ungebärdiger war und ihr argen Kummer bereitete. Keine Ermahnung half und die Mutter wurde so zornig, daß sie auch rief: "Wenn du nicht folgen willst, dann soll dich der böse Geist holen!"

Dem Richter gefielen diese Worte und wieder fragte er seinen Begleiter "nun, willst Du dieses Kind auch nicht, obwohl Du es holen sollst?"

Die Antwort war wieder enttäuschend für den Richter. Denn der Teufel sagte ihm: "Ich kann dieses Kind nicht nehmen, so gern ich es tun würde. Nicht mal für viel Gold würde diese Frau ihr Kind her geben, es ist nur dahin gesagt, aber nicht ihr voller Ernst".

So machten der Richter und der Teufel weiter ihren Marktrundgang, aber plötzlich mußten sie wegen des Gedränge stehen bleiben. Da wurde der Richter von einer alten, armen und kranken Frau entdeckt und sie begann zu weinen.

Aber dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und rief mit lauter Stimme: "Fluch über dich, Richter. Du bist so reich und willst uns Arme beherrschen. Ohne Grund und ohne jede Barmherzigkeit hast du mir mit einer Lüge meine Kuh, meinen einzigen Lebensunterhalt, mein einziges Stück Vieh wegnehmen lassen. Ich bete und flehen zum allmächtigen Gott, daß er mir eine einzige Bitte erfüllt: der Teufel soll dich zur Hölle holen!"

Der Richter sagte nichts auf diese Worte, aber der Teufel lachte von Herzen und rief: "Ja, Richter, d a s war ernst gemeint und von Herzen freiwillig". Mit diesen Worten ergriff er den Richter und flog mit ihm davon wie ein Greifvogel mit seiner Beute.

Die ganzen Marktbesucher erschraken und staunten, dann waren sie froh. Und im Rathaus wurde dann zur Lehre für die Nachkommen folgender Spruch an die Wand gemalt:

Es ist kein weiser Rat,
wenn einer mit dem Teufel umgaht.
Wer gerne mit ihm fährt,
Dem wird ein böser Lohn beschert.

Themen: Ludwig Bechstein