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Gedichte & Balladen

Die weiße Nacht

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von Gustav Falke (1853-1916) Schlaflos. Und also lag ich stundenlang. Die Gassen schickten ihren späten Gruß: Betrunkne zerrten einen Weihgesang durch ihren Sumpf. Auftappend, Fuß vor Fuß, ein müder Wächter. Und sein Schritt verklang. Ein Reiter kam. Es mußten Funken springen, so eilig hatt ers. Feuer? Todesringen? Der Huf verhallt. Dann hört ich andres nicht, als was die Nacht so zu sich selber spricht. Ich sah sie. Aus den schwarzen Locken hob ein silbern Horn sich und schien Licht zu sein. Ein sanftes, sternenstilles Leuchten wob um ihren Scheitel einen Heiligenschein göttlichen Glanzes. Keuschheit war allein ihr Kleid. Lässig zu ihren Füßen streckte ein schwarzer Wolf die hagern Glieder, leckte die Pfoten sich und flammte dann und wann mit grünen Lichtern seine Herrin an. Großäugig sah sie um sich in die Runde, wo demütig im Kreis die Wälder ruhten, und sprach mit halbgeöffnet leisem Munde heimliche Worte vor sich hin. So bluten langsam die Tropfen hin aus einer Wunde. Und mit dem Finger schrieb sie zögernd, sinnend, uralte Rätsel, schien es, weiterspinnend, seltsame Runen in die Luft. Die Stille wagte zu atmen kaum vor der Sibylle. Die stieß mit ihrem Fuß den Wolf leicht an, daß er empor sprang und sich an sie schmiegte. Sie ging. Er trabte zögernd hintenan, stand schnuppernd still, mißtrauisch horchend, wiegte den magern Leib und wies die Zähne. Dann - ganz leise, lange Raubtiersprünge eilten der Herrin nach. Auf einem fernen Hügel weilten die zwei noch einmal. Scharf am Himmel stand der Schattenriß, bis plötzlich er verschwand. Im Osten glomm ein matter Schimmer auf. Noch hielt ein Halbschlaf mich in seinen Schlingen, da rief der Morgen seinen Gruß herauf: Gelächter, Räderknarren, Glockenklingen, ein Ständchen, das sie einem Nachbarn bringen. Die Sonne stieg. Heiß sprang ich aus den Kissen. Der Tag hat mich in seinen Lärm gerissen, doch hab ich aus den Sinnen nicht gebracht das Bild: den schwarzen Wolf, die weiße Nacht.