
Geschichten & Märchen
Der Rächer
0 Aufrufevon Anton Tschechow (1860-1904)
Bald nachdem Fjodor Fjodorowitsch Sigajew seine Frau auf der Bahn des Verbrechens betroffen hatte, stand er in dem Waffenladen von Schmucks & Co. und wollte sich einen geeigneten Revolver aussuchen. Seine Mienen drückten Zorn, Gram und unbeugsame Entschlossenheit aus.
"Ich weiß, was ich zu tun habe", sagte er sich. "Die Grundlinie des Fami-lienlebens ist beschimpft, die Ehre in den Kot getreten, das Laster trium-phiert; deshalb muß ich, als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und als Ehrenmann, das Amt des Rächers übernehmen. Zuerst werde ich sie und ihren Liebhaber töten, dann mich selbst ..."
Er hatte sich noch nie einen Revolver ausgesucht und noch nie einen Menschen getötet; aber seine Einbildungskraft stellte ihm bereits drei blutige Leichen vor Augen, zerschmetterte Schädel, herausquellendes Ge-hirn, einen Menschenauflauf, einen Schwarm von Gaffern, die Leichen-öffnung ... Mit der Schadenfreude des tief Beleidigten malte er sich schon den Schrecken der Verwandtschaft und des Puplikums sowie den Todes-kampf des treulosen Weibes aus und las bereits in Gedanken die Leit-artikel der Zeitungen, die von der Zerrüttung des Familienlebens handeln würden.
Der Kommis des Geschäfts, ein bewegliches Kerlchen, das einen Fran-zosen kopierte, mit kleinem Embonpoint und weißer Weste, legte ihm eine Anzahl von Revolvern vor und bemerkte mit respektvollem Lächeln unter vielen Verbeugungen: "Ich würde Ihnen raten, Monsieur, diesen vor-züglichen Revolver hier zu nehmen. System Smith & Wesson. Die aller-neueste Errungenschaft der Schußwaffenfabrikation. Dreifacher Effekt, mit Extraktor, trifft auf sechshundert Schritt, Zentralzündung. Gestatten Sie, Monsieur, daß ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Sauberkeit der Ausführung lenke. Das modernste System, Monsieur ... Wir verkaufen täglich ein Dutzend gegen Räuber, Wölfe und Liebhaber. Eine sehr zuverlässige und kräftige Waffe, schießt auf weiteste Distanz und tötet durchschlagend Frau und Liebhaber. Was Selbstmord anlangt, so kenne ich überhaupt kein besseres System. Monsieur ..."
Der Kommis spannte die Hähne und drückte sie ab, hauchte die Läufe an, zielte und stellte sich, als wäre er ganz außer sich vor Begeisterung. Wenn man sein entzücktes Gesicht sah, so konnte man denken, daß er sich selbst gern eine Kugel in die Stirn jagen würde, wenn er nur einen Revolver von einem so vorzüglichen System wie das von Smith & Wesson besäße.
"Und was ist der Preis?" fragte Sigajew.
"Fünfundvierzig Rubel, Monsieur."
"Hm ... Das ist mir zu viel!"
"In diesem Falle schlage ich Ihnen ein anderes, etwas billigeres System vor. Hier, ist es Ihnen gefällig, diesen Revolver anzusehen? Wir haben eine enorme Auswahl in verschiedenen Preislagen ... Zum Beispiel dieser Re-volver hier, System Lefaucheux, kostet nur achtzehn Rubel, aber ..." (der Kommis zog geringschätzig die Stirne kraus) "... aber, Monsieur, dieses System ist bereits veraltet. Das kaufen heute nur noch Leute, die zum intellektuellen Proletariat gehören, und Geisteskranke. Sich oder seine Frau mit einem Lefaucheux zu erschießen, gilt heutzutage für ein Zeichen von schlechtem Geschmack. Der gute Geschmack läßt nur Smith & Wes-son gelten."
"Ich habe weder mich noch sonst jemand zu erschießen Anlaß", log Siga-jew mit mürrischer Miene. "Ich will mir nur für dden Landaufenthalt einen Revolver kaufen ..., um Diebe zu erschrecken."
"Es ist nicht unsere Sache, nachzuforschen, zu welchem Zweck Sie eine Waffe kaufen", erwiderte lächelnd der Kommis und schlug diskret die Augen nieder. "Wenn wir in jedem Falle die Ursachen ausfindig zu ma-chen suchten, so müßten wir das Geschäft schließen, Monsieur. Um Diebe zu erschrecken, dazu ist ein Lefaucheux nicht geeignet, Monsieur, weil er einen nur mäßig lauten, dumpfen Knall gibt; da würde ich Ihnen eine gewöhnliche Zündhütchenpistole Mortimer vorschlagen, die soge-nannte Duellpistole ..."
Plötzlich fuhr ein Gedanke Sigajew durch den Kopf: Soll ich ihn zum Duell fordern? Aber er sagte sich: Das wäre doch zu viel Ehre für ihn ... Solche Schufte schießt man einfach tot wie Hunde ...
Graziös sich hin- und herdrehend und herumtrippelnd hörte der Kommis nicht auf zu lächeln und zu schwatzen und legte vor den Käufer einen ganzen Haufen Revolver hin. Am appetitlichsten und einladensten von allen sah Smith & Wesson aus. Sigajew nahm einen Revolver dieses Systems in die Hand, starrte unverwandt auf ihn und verlor sich in Gedan-ken. Seine Phantasie entwarf ihm ein Bild, wie er die betreffenden Hirnschalen zerschmettern, wie ein Blutstrom über den Teppich und den getäfelten Fußboden hinfließen und wie die sterbende Verräterin mit dem Fuße zucken würde ... Aber für sein ungenügsames Herz war das noch zu wenig. Sein Herz fühlte sich durch die Blutszenen, das Gewimmer und den Schrecken noch nicht befriedigt ... Er mußte etwas noch Furchtba-reres ersinnen.
Ich hab's: ich will ihn und mich töten, dachte er, sie aber will ich am Leben lassen. Mag sie, von den Vorwürfen ihres Gewissens und der Ver-achtung ihrer Umgebung gequält, langsam dahinsiechen. Das ist für ein so nervöses Wesen wie sie eine weit größere Pein als der Tod ...
Er stellte sich sein eigenes Begräbnis vor: er, der beleidigte Ehemann, liegt im Sarge, ein mildes Lächeln auf den Lippen; sie aber, blaß, von Ge-wissensbissen gefoltert, geht hinter dem Sarge her und weiß nicht, wohin sie sich vor den vernichtenden Blicken, die ihr die erregte Volksmenge zuwirft, verkriechen soll.
"Ich sehe, Monsieur, daß Ihnen der Smith & Wesson gefällt", unterbrach der Kommis seine Träumereien. "Wenn er Ihnen zu teuer erscheint, so will ich gern fünf Rubel ablassen ... Übrigens haben wir noch andere bil-ligere Systeme."
"Hier, Monsieur, zum Preise von dreißig Rubeln. Das ist nicht teuer, um so weniger, als der Kurs furchtbar gesunken ist und die Zollabgaben in fort-währendem Steigen sind, Monsieur. Ich schwöre bei Gott, Monsieur ich bin konservativ gesinnt; aber auch ich fange bereits an, zu murren. Ich bitte Sie, der Kurs und der Zolltarif haben es dahin gebracht, daß sich jetzt nur noch reiche Leute eine wirklich gute Waffe anschaffen können! Ärmeren bleibt nichts weiter übrig als zu Tulaer Fabrikat oder zu Phosphor-hölzchen zu greifen. Und die Tulaer Waffen - die richten nur Malheur an! Man schießt aus einem Tulaer Revolver auf seine Frau und trifft sich selber ins Schulterblatt."
Sigajew hatte auf einmal die Empfindung, daß er sehr benachteiligt und bedauernswert sein würde, wenn er tot wäre und die Qualen des treulosen Weibes nicht mit ansehen könnte. Die Rache ist dann erst wahrhaft süß, wenn man die Möglichkeit hat, ihre Wirkungen wahrzunehmen; aber was hat das für Sinn, wenn er im Grabe liegt und nichts davon merkt!
Ob ich es nicht lieber so mache? überlegte er. Ich will ihn töten; dann will ich bei dem Begräbnis zugegen sein und zusehen, nach dem Begräbnis aber mich selbst töten ... Indessen, man wird mich vor dem Begräbnis arretieren und mir die Waffe wegnehmen ... Folglich lieber so: ich will ihn töten; sie soll am Leben bleiben, und ich ... ich will mich vorläufig auch nicht töten, sondern mich festnehmen lassen. Mich zu töten, dazu ist immer noch Zeit. Meine Festnahme wird das gute haben, daß ich bei der gerichtlichen Untersuchung vor der Behörde und der Gesellschaft die ganze Niedrigkeit der Handlungsweise meines Weibes aufdecken kann. Wenn ich mich aber töte, so wird sie vielleicht mit der ihr eigenen Verlogenheit und Frechheit mir die Schuld an allem zuschieben, und die Gesellschaft wird ihr Benehmen gerechtfertigt finden und mich vielleicht auslachen; bleibe ich aber am Leben, so ...
Einen Augenblick darauf dachte er: Ja, wenn ich mich töte, so wird man vielleicht mir die Schuld beimessen und mich einer kleinlichen Denkweise bezichtigen ... Außerdem, womit habe ich es denn verdient, daß ich mir das Leben nehmen soll? Durch nichts. Das ist das eine; und zweitens, sich zu erschießen ist eine Feigheit. Folglich mache ich's so: ich will ihn töten, ihr das Leben lassen und mich selbst der Justiz stellen. Es wird über mich Gericht gehalten werden, und sie wird dabei als Zeugin aufzutreten haben ... Ich kann mir ihre Aufregung und Beschämung vor-stellen, wenn mein Verteidiger sie befragen wird! Die Sympathien des Gerichtshofes, des Publikums und der Presse werden natürlich auf meiner Seite sein ...
So überlegte er; der Kommis aber legte immer mehr Ware vor ihn hin und hielt es für seine Pflicht, den Käufer zu unterhalten.
"Dies hier sind englische Revolver mit einem neuen System, die wir erst kürzlich erhalten haben", plauderte er. "Aber ich mache Sie im voraus darauf aufmerksam, Monsieur, daß all diese Systeme durch Smith & Wesson weit in den Schatten gestellt werden. Vor einigen Tagen - Sie haben es wahrscheinlich bereits gelesen - kaufte ein Offizier bei uns einen Revolver, System Smith & Wesson. Er schoß auf den Liebhaber, und - denken Sie nur! - die Kugel ging glatt durch diesen hindurch, durchschlug dann eine Bronzelampe, traf hierauf den Flügel, tötete, vom Flügel ab-prallend, ein Bologneserhündchen und fügte der Frau eine Kontusion zu. Ein glänzender Effekt, der unserer Firma Ehre macht. Der Offizier befindet sich jetzt in Haft ... Er wird gewiß verurteilt und zur Zwangsarbeit ver-schickt werden! Denn erstens haben wir noch eine gar zu veraltete Ge-setzgebung; zweitens, Monsieur, steht das Gericht immer auf seiten des Liebhabers. Warum? Das ist sehr einfach, Monsieur! Die Richter und die Geschworenen und der Staatsanwalt und der Verteidiger leben selbst mit fremden Frauen und fühlen sich beruhigter, wenn es in Rußland einen Ehe-mann weniger gibt. Der vornehmen Gesellschaft würde es erwünscht sein, wenn die Regierung alle Ehemänner nach Sachalin verschickte. O Monsieur, Sie können sich gar nicht vorstellen, mit welcher Entrüstung mich die jetzige Sittenverderbnis erfüllt; fremde Ehefrauen zu lieben ist jetzt ebenso üblich wie fremde Zigaretten zu rauchen und fremde Bücher zu lesen. Von Jahr zu Jahr geht bei uns der Absatz zurück; und das bedeutet nicht, daß die Zahl der Liebhaber immer geringer wird, sondern daß die Ehemänner sich in ihre Situation hineinfinden und sich vor den Gerichten und der Zwangsarbeit fürchten."
Der Kmmis sah sich um und fügte dann flüsternd hinzu: "Und wer trägt daran die Schuld, Monsieur? Die Regierung."
Um eines beliebigen Schweinehunds willen nach Sachalin zu gehen, darin liegt doch auch kein Sinn und Verstand, erwog Sigajew. Wenn ich zur Zwangsarbeit verschickt werde, so erhält meine Frau dadurch nur die Möglichkeit, sich wieder zu verheiraten und einen zweiten Mann zu hintergehen. Sie wird triumphieren ... Folglich: meine Frau will ich am Leben lassen, mich selbst nicht töten, und ihn ... will ich auch nicht töten. Ich muß etwas Verständigeres und für die Schuldigen Empfindlicheres ersinnen. Ich werde sie mit Verachtung strafen und einen skandalösen Ehescheidungsprozeß anstrengen ...
"Hier, Monsieur, ist noch ein neues System", sagte der Kommis und langte ein anderes Dutzend von dem Regal herunter. "Ich erlaube mir, Ihre Aufmerksamkeit auf den eigenartigen Mechanismus des Schlosses zu lenken ..."
Sigajew hatte nach seinem letzten Entschlusse überhaupt keinen Revolver mehr nötig; der Kommis jedoch geriet immer mehr und mehr in Eifer und legte immer neue Ware vor ihn hin. Dem beleidigten Gatten war es peinlich, daß der Kommis sich um seinetwillen vergeblich bemühte, sich vergeblich begeisterte.
"Nun schön", stotterte er, "dann will ich also später einmal wieder herankommen, oder ... oder ich will jemanden schicken."
Er sah nicht ein, was für ein Gesicht der Kommis dazu machte; aber um sein wunderliches Benehmen wenigstens einigermaßen wieder gut zu machen, hielt er es für nötig, irgend etwas zu kaufen. Aber was sollte er kaufen? Er ließ seine Blicke an den Wänden des Ladens umherschweifen, um etwas möglichst billiges auszusuchen, und entdeckte ein grünes Netz, das an der Tür hing.
"Da ... was ist das da?" fragte er.
"Ein Netz zum Wachtelfang".
"Und was kostet es?"
"Acht Rubel, Monsieur!"
"Wickeln Sie es mir ein ..."
Der gekränkte Ehemann bezahlte acht Rubel, nahm das Netz und verließ den Laden; er fühlte sich noch mehr gekränkt als vorher.
Themen: Kleiner Streifzug durch die Welt der Literatur