
Geschichten & Märchen
Wenn die Äpfel reif sind
0 Aufrufevon Theodor Storm (1817-1888)
Es war mitten in der Nacht.
Hinter den Linden kam eben der Mond heraus und leuchtete durch die Spitzen der Obstbäume auf die Hinterwand des Hauses; die weißen Vorhänge hinter einem Fensterchen waren ganz von seinem Licht beschienen.
Mitunter war's, als griffe eine kleine Hand hindurch und zöge sie heimlich auseinander; einmal sogar lehnte die Gestalt eines Mädchens an der Fensterbank. Sie hatte ein weißes Tüchlein unters Kinn geknotet und hielt die kleine Damenuhr gegen das Mondlicht, auf der sie das Rücken des Weisers aufmerksam zu betrachten schien. Draußen vom Kirchturm schlug es eben dreiviertel.
Unten zwischen den Büschen des Gartens, auf den Steigen und Rasen-plätzen, war es dunkel und still; nur der Marder, der in den Zwetschgen saß, schmatzte bei seiner Mahlzeit und kratzte mit den Klauen in die Baumrinde.
Plötzlich hob er die Schnauze.
Es rutschte etwas draußen an der Planke; ein dicker Kopf guckte herüber.
Der Marder sprang mit einem Satz zu Boden und verschwand zwischen den Häusern; von drüben aber kletterte ein untersetzter Junge langsam in den Garten hinab.
Dem Zwetschgenbaum gegenüber stand ein nicht gar hoher Augustapfel-baum; die Äpfel waren gerade reif, die Zweige brechend voll.
Der Junge mußte ihn schon kennen; denn er grinste und nickte ihm zu, während er auf den Fußspitzen an allen Seiten um ihn herumging; dann, nachdem er einige Augenblicke stillgestanden und gelauscht hatte, band er sich einen großen Sack vom Leibe und fing bedächtig an, zu klettern.
Bald knackte es droben zwischen den Zweigen, und die Äpfel fielen in den Sack, einer um den andern, in kurzen, regelrechten Pausen.
Da zwischendrein geschah es, daß ein Apfel nebenbei zur Erde fiel und ein paar Schritt weiter ins Gebüsch rollte, wo ganz versteckt eine Bank vor einem steinernen Gartentischchen stand. An diesem Tische saß ein junger Mann mit aufgestützem Arm und gänzlich regungslos.
Als der Apfel seine Füße berührte, sprang er erschrocken auf; einen Augenblick später trat er vorsichtig auf den Steig hinaus.
Da sah er droben, wohin der Mond schien, einen Zweig mit roten Äpfeln unmerklich erst und bald immer heftiger hin und her schaukeln; eine Hand fuhr in den Mondschein hinauf und verschwand gleich darauf wieder samt einem Apfel in dem tiefen Schatten der Blätter.
Der Untenstehende schlich leise unter den Baum und gewahrte nun auch den Jungen. Ob er ein Jäger war, ist - seines Jagdrocks unerachtet - schwer zu sagen; in diesem Augenblick aber mußte ihn so etwas wie ein Jagdfieber überkommen; denn atemlos, als habe er die halbe Nacht hier nur gewartet, um die Jungen in den Apfelbäumen zu fangen, griff er durch die Zweige und legte leise, aber fest, seine Hand um den Stiefel, welcher wehrlos an dem Stamme herunterhing.
Der Stiefel zuckte, das Apfelpflücken droben hörte auf, aber kein Wort wurde gewechselt. der Junge zog, der Jäger faßte nach; so ging es eine ganze Weile; endlich legte sich der Junge aufs Bitten.
"Lieber Herr!" - "Spitzbube!"
"Den ganzen Sommer haben sie über den Zaun geguckt!"
"Wart nur, ich werde dir einen Denkzettel machen!"
Und dabei griff er in die Höhe und packte den Jungen in den Hosenspiegel.
"Was das für derbes Zeug ist!" - "Manchester, lieber Herr!"
Der Jäger zog ein Messer aus der Tasche und suchte mit der freien Hand die Klinge aufzumachen.
Als der Junge das Einschnappen der Feder hörte, machte er Anstalten, herabzuklettern. Allein der andere wehrte ihm. "Bleib nur, du hängst mir eben recht!"
Der Junge schien gänzlich wie verlesen.
"Herrjemine! Es sind des Meisters seine! - Haben Sie denn gar kein Stöckchen, lieber Herr? Sie könnten es mit mir allein abmachen!"
Allein - der Jäger schnitt. Der Junge, als er das kalte Messer so dicht an seinem Fleisch hinuntergleiten fühlte, ließ den vollen Sack zur Erde fallen; der andere aber steckte den ausgeschnittenen Flicken sorgfältig in die Westentasche.
"Nun kannst du allenfalls herunterkommen!" er erhielt keine Antwort.
Einen Augenblick nach dem andern verging, aber der Junge kam nicht.
Von seiner Höhe aus hatte er plötzlich, während ihm von unten her das Leid geschah, im Hause drüben das schmale Fensterchen sich öffnen sehen. Ein kleiner Fuß streckte sich heraus - der Junge sah den weißen Strumpf im Mondenschein leuchten - und bald stand ein vollständiges Mädchen draußen auf dem Steinhof. Ein Weilchen hielt sie mit der Hand den offenen Fensterflügel; dann ging sie langsam an das Pförtchen des Staketenzauns und lehnte sich mit halbem Leib in den dunklen Garten hinaus.
Der Junge reckte sich fast den Hals aus, um das alles zu betrachten.
Dabei schienen ihm allerlei Gedanken zu kommen; denn er verzog den Mund bis an die Ohren und stellte sich breitspurig auf zwei gegenüber-stehende Äste, während er mit der einen Hand das beschädigte Kleidungsstück zusammenhielt.
"Nun, wird's bald?" fragte der andere.
"Es wird schon", sagte der Junge.
"So komm herunter!"
"Es ist nur", erwiderte der Junge und biß in einen Apfel, daß der Jäger es unten knirschen hörte, "es ist nur, daß ich just ein Schuster bin!"
"Was denn, wenn du kein Schuster wärst?"
"Wenn ich ein Schneider wäre, würde ich mir das Loch von selber flicken."
Und er fuhr fort, seinen Apfel zu verspeisen. Der junge Mann suchte in seiner Tasche nach kleiner Münze, aber er fand nur einen harten Doppel-taler.
Schon wollte er die Hand zurückziehen, als er von unten her ganz deutlich ein Klinken an der Gartentür vernahm. Auf dem Kirchturm drüben schlug es zwölf.
Er fuhr zusammen. "Dummkopf!" murmelte er und schlug sich vor die Stirn.
Dann griff er wieder in die Tasche und sagte sanft: "Du bist wohl wohl armer Leute Kind?"
"Sie wissen schon, 's wird alles sauer verdient."
"So fang und laß dir flicken!" Damit warf er das Geldstück zu ihm hinauf.
Der Junge griff zu, wandte es prüfend im Mondschein hin und wider und schob es schmunzelnd in die Tasche.
Draußen auf dem langen Steige, an dem der Apfelbaum in den Rabatten stand, wurden kleine Schritte vernehmlich und das Rauschen eines Kleides auf dem Sande.
Der Jäger biß sich in die Lippen; er wollte den Jungen mit Gewalt herunterreißen; der aber zog sorgsam die Beine in die Höhe, eins ums andere; es war vergebliche Mühe.
"Hörst du nicht?" sagte der Jäger keuchend. "Du kannst nun gehen!"
"Freilich - wenn ich den Sack nur hätte!"
"Den Sack?"
"Er ist mir da vorher hinabgefallen."
"Was geht das mich an?"
"Nun, lieber Herr, Sie stehen just da unten!"
Der andere bückte sich nach dem Sack, hob ihn ein Stück vom Boden und ließ ihn wieder fallen.
"Werfen Sie dreist zu!" sagte der Junge, "ich werde schon fangen!"
Der Jäger tat einen verzweifelten Blick in den Baum hinauf, wo die dunkle, untersetzte Gestalt zwischen den Zweigen stand, sperrbeinig und bewe-gunslos.
Als aber die kleinen Schritte in kurzen Pausen immer näher kamen, trat er hastig auf den Steig hinaus.
Ehe er sich's versah, hing ein Mädchen an seinem Halse. "Heinrich!"
"Um Gottes willen!" Er hielt ihr den Mund zu und zeigte in den Baum hinauf. Sie sah ihn mit verdutzten Augen an; aber er achtete nicht darauf, sondern schob sie mit beiden Händen ins Gebüsch.
"Junge, vermaledeiter! - Aber daß du mir nicht wiederkommst!"
Und er erwischte den schweren Sack am Boden und hob ihn ächzend in den Baum hinauf.
"Ja, ja!" sagte der Junge, indem er dem andern behutsam seine Bürde aus den Händen nahm, "das sind von den roten, die fallen ins Gewicht!"
Hierauf zog er ein Endchen Bindfaden aus der Tasche und schnürte es eine Spanne oberhalb der Äpfel um den Sack, während er mit den Zähnen die Zipfel angezogen hielt; dann lud er ihn auf seine Schulter, sorgsam und regelrecht, so daß die Last gleichmäßig auf Brust und Rücken verteilt wurde.
Als dieses Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendet war, faßte er einen ihm zu Häupten ragenden Ast und schüttelte ihn mit beiden Fäusten. "Diebe in den Äpfeln!" schrie er; und nach allen Seiten prasselten die reifen Früchte durch die Zweige.
Unter ihm rauschte es in den Büschen, eine Mädchenstimme kreischte, die Gartenpforte klirrte, und als der Junge noch einmal den Hals aus-reckte, sah er soeben, das kleine Fenster wieder zuklappen und den weißen Strumpf darin verschwinden.
Einen Augenblick später saß er rittlings auf der Gartenplanke und lugte den Weg entlang, wo sein neuer Bekannter mit langen Beinen in den Mondschein hinauslief. Dabei griff er in die Tasche, befingerte seine Silber-münze und lachte so ingrimmig in sich hinein, daß ihm die Äpfel auf dem Buckel tanzten.
Endlich, als schon die ganze Hausgenossenschaft mit Stöcken und Later-nen im Garten umherrannte, ließ er sich lautlos an der andern Seite hinuntergleiten und schlenderte über den Weg in den Nachbargarten, allwo er zu Hause war.
Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Storm
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