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Geschichten & Märchen

Der Bauernfänger

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von Julius Stettenheim (1831-1916)

Der Polizeipräsident von Berlin trat gegen zehn Uhr morgens in sein Büro. Es war an einem kalten Dezembertage, aber in dem Büro herrschte eine angenehme Temperatur, der man es sofort anmerkte, daß hier auf Kosten
der Stadt geheizt wurde. Der Polizeipräsident gab seinen Pelz einem ihn begleitenden uniformierten Beamten, steckte sein Monokel wieder ins Auge und warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, auf welchem die Briefe
lagen, welche die erste Post gebracht hatte und die nun erledigt sein wollten. Es waren viele solcher Briefe eingetroffen, was dem Beschauer nicht angenehm zu sein schien. Der Polizeipräsident war ein Lebemann trotz seiner Jahre, die das erste Grau in seinem wohlgepflegten Bart ober-
flächlich andeuteten. Er war groß und etwas korpulent, als Freund der gän-
gereichen Tafel hatte er seine einst so schlanke Taille gänzlich mitver-zehrt, und machte daher den Eindruck einer gewissen Abrundung, der man
es ansah, daß er mehr Lucull als Don Juan war. Trotzdem war er ein vor-trefflicher Beamter, ja, das Modell eines guten Beamten. Er war pflichttreu,
fleißig, gewissenhaft und hatte aus der Militärzeit einen schneidigen Ton
in sein Amt mitgebracht, welcher dem Ohre des Zivilisten mit Recht so unmelodisch klingt, aber in dem Untergebenen keinen Widerspruch auf-kommen läßt. Er sprach nicht viel, aber das wenige kurz und bestimmt, wie es sich von einem Manne erwarten läßt, der an der Spitze eines so wichtigen Verwaltungszweiges steht. Der Selbstherrscher aller Schutz-männer von Berlin muß ein bißchen Zar sein.
Er rieb die Hände, zündete eine Zigarre an, seufzte und setzte sich an den
Schreibtisch vor die angelangten Briefschaften. Zuerst öffnete er die Schreiben, welche er mit kundigem Blick als die von Behörden erkannte. Eines der ersten, in einem mit talergroßem Siegel verschlossenen Umschlag, veranlaßte ihn, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen.
Der Beamte, den wir schon gesehen haben und der das Amt eines Schutzmannes für alle bekleidete, trat geräuschlos ein.
"Stuppke", sagte der Polizeipräsident zu ihm, während er den gelesenen Brief noch in der Hand hielt, "da wird vom Magistrat in Schwiesen der Bürgermeister bei uns angemeldet. Soll hier Bauernfang studieren, weil in letzter Zeit etliche Bauernfänger in Schwiesen aufgetaucht sind. Wenn der
Mann kommt, gleich reinführen, er heißt" - der Polizeipräsident blickte in den Brief - "Kramer, werde ihm den Kriminalschutzmann Schallow beige-ben, der ja Bescheid weiß." - "Na, ob!" wagte Stuppke zu sagen.
Der Polizeipräsident sah ihn wegen dieser Bemerkung fast erschrocken an, dann, in einer Anwandlung von unbeschreiblicher Güte, wie einen großen Verbrecher begnadigend, sagte er mit einer leichten Bewegung des Kopfes: "'s ist gut. Schallow soll kommen."
Stuppke ging mit einer militärisch strammen Wendung ab, froh, wegen seines unbegreiflich kecken "Na ob" noch so gut davongekommen zu sein.
Der Polizeipräsident überflog noch einmal den Brief des Magistrats der gu-ten Stadt Schwiesen, und dabei streifte eine gewisse Heiterkeit seinen strengen Ausdruck.
"Nicht übel", sagte er dabei so schroff vor sich hin, daß die Zigarre zwi-schen seinen Lippen einen Seitensprung machte.
Schallow trat ein. Schallow war der bescheidwissende Kriminalschutz-mann, dessen hervorragende Kenntnis auf dem Gebiete des Bauernfanges von den Berichterstattern der Presse oft lobend hervorgehoben und eben noch von Stuppke durch seine zweisilbige Bemerkung in das hellste Licht gerückt worden war. Schallow war allerdings ein bedeutender Spezialist. Er kannte alle die Schliche des Bauernfanges wie ein gelernter Bauernfän-ger, kannte alle die schlauen Burschen, welche täglich zahlreiche Opfer fanden und ausplünderten: er wußte sofort, wenn ihm eine besonders gründliche Plünderung gemeldet wurde, aus der Art und Weise, wie sie geschehen war, den Täter, wenn auch nicht gleich zu finden, doch genau zu bezeichnen. Er spielte das Teufelsspiel, Kümmelblättchen genannt, so
meisterhaft wie irgendein Matador der Bauernfängerei, und man rühmte ihm nach, es sei ein Glück, daß er Kriminalschutzmann und nicht Bauern-
fänger geworden sei, da er als solcher unbeschreibliches Unheil angerich-tet haben würde. - "Befehlen, Herr Präsident - "
"Schallow", sagte der Höchstkommandierende, "da kommt zur Abwechs-lung mal wieder ein Bürgermeister, der Bauernfang hier an der Quelle stu-dieren soll, damit sie in seiner Weltstadt wissen, wie mit Kram und Kerls umspringen. Heißt Kramer. Ehrsamer Böttchermeister. Werde ihn an Sie weisen, zeigen Sie ihm Schlupfwinkel und Individuen und sagen Sie ihm, wie damit umzuspringen. Wird ja nicht viel nützen. Wenn Kramer noch so viel kennenlernt, wird kein einziger Bauernfänger in Schwiesen verhindert werden. Aber kann das dem Mann doch nicht sagen und ihn abweisen. Ist ja Behörde. Wissen also Bescheid, Schallow, können's kurz machen, haben mehr zu tun."
Schallow sagte nichts, er war überhaupt wortkarg, besonders dem Polizei-
präsidenten gegenüber, der immer alles sagte, was zu sagen war.
Kaum war Schallow abgetreten, so meldete Stuppke den Bürgermeister von Schwiesen, den Böttchermeister Kramer.
"Konnt' wohl nicht früher kommen. Besuch bei tagschlafender Zeit", mur-melte der Chef. Dann sagte er: "Eintreten."
Der Eintretende war eine gewöhnliche Erscheinung, wie sie den Übergang vom Bauer zum Bürger charakterisiert. Man sah ihm die kleine Provinz-stadt an. Er machte den Eindruck eines ernsten Mannes, der regelmäßig zu Mittag aß und mindestens zehn Stunden schlief außer dem halben Stündchen nach Tisch. Er verbeugte sich breit und würdevoll, mit dem Stolze, den eine hervorragende Stellung in der Stadt Schwiesen einflößt, und mit der Ungeschicklichkeit, welche er seiner Erziehung und seinem Umgange verdankte.
"Morgen", sagte der Polizeipräsident, der sich ein ganz klein wenig erho-ben hatte. Dann wies er auf einen Stuhl und setzte hinzu: "Bitte."
Der Gast setzte sich bescheiden nieder. Der raum, in dem er sich befand, der einflußreiche Beamte, mit dem er verkehren sollte, schienen ihn mit einem heillosen Respekt zu erfüllen.
"Der Herr Bürgermeister kommen so früh", begann der Polizeipräsident.
"Ich bitte deshalb um Entschuldigung. Es war so unruhig im Hotel, und dann möchte ich auch den Tag so nützlich wie möglich verwenden, damit
ich in längstens zwei Tagen wieder davonreisen kann. Schwiesen ist klein,
muß aber trotzdem verwaltet werden. Glauben Sie, Exzellenz, daß es so rasch gehen wird?"
"Bin nicht Exzellenz, einfach Polizeipräsident oder Herr von", warf der Ge-fragte ein. "Können ganz gut in zwei Tagen wieder abdampfen. Werde Ihnen einen Beamten mitgeben, Schallow, Kriminalschutzmann Schallow,
kennt die Bauernfängerei gründlich, wird Ihnen alles Nötige zeigen und mit-teilen, daß Sie in Schwiesen Maßregeln treffen können. Wird freilich wenig
nützen."
"Meinen Sie?" fragte der Bürgermeister ängstlich.
"Natürlich", antwortete der Polizeipräsident. "Bauernfänger sind gerissene Jungen, schwer, ihnen beizukommen. Selbst uns, die immerfort damit zu tun haben und doch auch nicht auf den Kopf gefallen, geben Gauner manchmal was zu raten. Uns!"
"Nicht möglich!" sagte derart verblüfft der Mann aus Schwiesen, als hätte ihm der Polizeipräsident erzählt, der Kölner Dom sei gestohlen worden.
"Also -". Mit diesem Worte deutete der Präsident seine Bereitwilligkeit an,
dem Besucher zum Abschiede die biedere Rechte zu schütteln, wie ein Mann, dessen Augenblicke kostbar sind. Aber das 'Also' hatte keine Wirk-ung. Der Gast blieb sitzen. "Haben Sie noch was?" fragte ihn der Polizei-chef.
"Noch eine Bitte", sagte zögernd der Mann aus Schwiesen. "Der Magis-trat hat mich in dem Schreiben, in welchem er mich ankündigte, an Sie auch für den Fall gewiesen, daß ich Geld brauchte, und es ist mir gestern abend etwas passiert, was mich ganz blank gemacht hat."
"Nanu!" rief der ahnungsvolle Polizeipräsident. "Was passiert? Heraus da-mit!" Und er beugte sich über die Lehne seines Sessels zu dem Fremden,
um kein Wort von dem, was er hören sollte, zu verlieren, während ein viel-sagendes Lächeln die Strenge seines Ausdrucks verscheuchte.
"Ich komme gestern abend mit dem Acht-Uhr-Zuge an, fahre in das 'Cen-tral-Hotel', mache mich sauber und gehe 'Unter den Linden' spazieren. Prächtig war es. Die hellen Schaufenster, die vielen Menschen - "
"Weiß schon", drängte der Hörer, "kenne die Linden. Weiter!"
"Da kommt ein älterer Herr auf mich zu, der mir ein Taschentuch zeigt und
mich fragt, ob ich das verloren hätte, es läge da auf der Straße. Ich dank-te und sagte: Nein. Dann wollte er es dem Schutzmann geben. So kamen wir ins Gespräch und bummelten. Es war ein wirklich liebenswürdiger Mann, der viel zu erzählen wußte, und ich war sehr froh, als er mich auf-forderte, mit ihm in eine einfache, aber solide Weinstube zu gehen und zu Abend zu essen."
"Wurde da nicht Klavier gespielt und gesungen?" unterbrach ihn der Poli-zeipräsident, der immer heiterer zugehört hatte.
"Allerdings, es war höchst unterhaltend. An unserem Tische saßen noch einige Herren, in welchen mein Begleiter Landsleute fand. Diese Herren spielten ein merkwürdiges Spiel, das eigentlich gar kein Spiel war, sondern
ein Kunststück. Der Spieler hatte in der linken Hand den Pique-Buben, in der rechten zwei andere Karten, und nachdem er die drei Karten auf den Tisch geworfen hatte, sollte man raten, welche von ihnen der Pique-Bube ... "
Ein Gelächter des Polizeipräsidenten unterbrach den Erzähler, der den La-
chenden halb erstaunt und halb beleidigt ansah. Der Polizeipräsident war aufgesprungen und rief: "Das ist großartig! Lieber Freund, Sie haben ges-tern abend Bauernfang an der Quelle studiert, können Examen machen, brauchen gar nicht weiter zu arbeiten. Ihr liebenswürdiger Begleiter, Gau-ner in Folio, hat Sie gewarnt vor Spiel, hat selbst aber mehrmals Pique-Buben richtig herausgefischt und gewonnen, dann sind Sie selbst in Falle
gegangen und haben richtig alles verloren. Weiß alles, als ob dabei gewe-sen. Sind ganz gemeinen Bauernfängern auf den Leim gegangen, brau-chen sich gar nicht weiter in Berlin zu bemühen." Und der Polizeipräsident
lachte aus vollem Halse, während der unglückselige Besucher dasaß und schier verzweifelte.
"Wieviel haben Ihnen die Banditen denn abgeknöpft?" fragte endlich der Polizeipräsident, um wieder, wie es sich für die ganze Szenerie ziemte, das Praktische zu berühren.
"Meine ganze Barschaft", jammerte der Bürgermeister, "dreihundert Mark."
"Freuen Sie sich, daß es nicht mehr ist", war die ganze Antwort, die den Armen trösten sollte. "Werde Ihnen gleich die Summe überweisen lassen."
Der Polizeichef klingelte, gab dem Bürgermeister eine Anweisung und ließ
ihn von dem eintretenden Stuppke zur Kasse führen. Dann gab er ihm die Hand zum Abschied und sagte ihm dabei: "Hätten Unterricht billiger ha-ben können, sparen aber jetzt Herumlaufen mit meinem Schallow. Gehen Sie in Ihr Hotel, schlafen Ärger aus, gehen abends nicht mit liebenswür-digen älteren Herren zum Essen mit Musi und fahren morgen nach Schwiesen. Grüßen Sie Schwiesen."
Der Bürgermeister von Schwiesen war fast zu Tränen gerührt, als er dem Polizeipräsidenten von Berlin die Hand drückte. Dann blickte er ihn bewun-dernd an und sagte: "Sie wird kein Bauernfänger übers Ohr hauen!"
Der Präsident lächelte geschmeichelt mit amtlicher Freundlichkeit und ließ
sich, als der Bürgermeister fortgegangen war, seinen Schallow kommen, um ihm das tragikomische Abenteuer des armen Schwiesener Bürgermei-sters zu erzählen.
Beide lachten herzlich dabei.
Ein paar Stunden später saß der Polizeipräsident in voller Arbeit, als Stuppke eintrat und meldete: "Der Bürgermeister von Schwiesen."
"Schon wieder? Ist ja heute gar nicht tot zu kriegen!" rief der Polizeipräsi-dent ungeduldig.
"Zu Befehl, Herr Präsident, es ist ein anderer."
"Ein anderer Bürgermeister von Schwiesen?" rief mit weit aufgesperrten Augen der Polizeipräsident, und sah Stuppke an, als ob er ihn auf seine Nüchternheit hin untersuchen wollte.
"Vielleicht hat Schwiesen zwei Bürgermeister wie Berlin. Schwiesen wird Weltstadt!" sagte Stuppke.
"Ruhe!" schrie der schon nervös gewordene Polizeipräsident. "Soll eintre-ten."
Der Bürgermeister von Schwiesen, Böttchermeister Kramer, trat ein, ein älterer freundlicher und etwas dumm aussehender Herr, der mit künst-licher Gewandtheit auf den Polizeipräsidenten zuschritt, von dem er scharf
angeblickt wurde, und sehr viel Worte machte, als er mitteilte, er sei der dem hochlöblichen Polizeipräsidium vom Magistrat in Schwiesen angekün-
digte Bürgermeister, der zu dem in dem Schreiben angedeuteten Zwecke nach Berlin gekommen und dem fördernden Wohlwollen der hohen Behör-de empfohlen sei.
"Der war schon heute morgen da!" rief der Polizeipräsident, der überzeugt war, daß er einen Betrüger vor sich habe.
Der Bürgermeister von Schwiesen konnte nicht mißverstanden haben und traute doch seinen Ohren nicht. Der Polizeipräsident klingelte. Stuppke erschien. Schallow sollte kommen. Schallow kam sofort.

"Kennen Sie den Mann, Schallow?" rief der Polizeipräsident diesem entgegen.
Schallow sah den Bürgermeister von Schwiesen genau an. Nein, er kannte ihn nicht, und er kannte doch das Verbrecheralbum genau. Er wollte es aber nochmals durchsehen, vielleicht fand sich ein Porträt darin,
das auf die Spur führte. Er ging wieder fort, um sich an die Arbeit zu machen.

Der Polizeipräsident blieb mit dem Bürgermeister allein und nahm diesen in ein scharfes Verhör. Der Bürgermeister war gestern abend von Schwie-sen mit dem Acht-Uhr-Zug angekommen und war im "Central-Hotel" abge-stiegen. Merkwürdig, genau wie der andere. Er wäre schon in der Frühe auf das Polizeipräsidium gekommen, wenn ihm nicht ein vertrauener-weckender Mann, der auf der letzten Station in sein Coupé gestiegen und mit dem er ins Gespräch gekommen war, gesagt hätte, daß der Herr Poli-
zeipräsident sich in den Vormittagsstunden nicht sprechen ließe und vor dem zweiten Frühstück nicht recht genießbar sei. Das habe ihm der Mann wie jemand gesagt, der es genau wisse, und der Mann habe über-haupt einen so guten Eindruck auf ihn gemacht, daß er ihm seinen Namen
genannt und mitgeteilt habe, zu welchem Zwecke er nach Berlin fahre. Er
habe ihm einfach eine Kopie des Briefes des Magistrats gezeigt, welche er als Legitimation mitgebracht habe.
Der Bürgermeister von Schwiesen hatte bereits diese Kopie aus einer ko-lossalen Brieftasche herausgesucht und hielt nun das Dokument in der zitternden Hand.
"Ist ja unglaublich!" sagte der Polizeipräsident außer sich.
"Mir dürfen Sie alles glauben", versicherte treuherzig der Bürgermeister,
"ich lüge nicht."
Der Polizeipräsident sah den Mann an, der wirklich den Eindruck der Ehr-lichkeit machte.
"Ist es denn möglich!" rief der Polizeipräsident.
"Was soll denn möglich sein?" fragte der Bürgermeister und fuhr dann fort:
"Mein neuer Freund kannte Berlin genau, das merkte ich sofort, und ich war daher ganz froh, als er mir anbot, mit mir den Abend zu verbringen, denn er sei Strohwitwer und möchte nicht allein sein. Ich ging also ins Hotel, machte mich sauber und schloß mich wieder dem Manne an, der vor dem Hotel auf mich wartete. Nun bummelten wir in der Stadt herum, bis wir Hunger bekamen. Da standen wir denn auch zufällig vor einer Wein-stube, die mir mein Freund als sehr solide empfahl: wir traten ein ... "
"Weiß schon", fiel der Polizeipräsident sehr aufgeregt dazwischen. "Da wurde Klavier gespielt und gesungen, und da saßen an Ihrem Tisch noch einige Landsleute Ihres Freundes, die ein Spiel spielten, das eigentlich kein Spiel war, sondern ein Kunststück mit dem Pique-Buben, der nie da lag, wo man ihn sicher vermutete, - o dieser Pique-Bube hat es in sich! - und nachdem ihr neuer Freund mehrmals gewonnen hatte, wurden Sie Ihr ganzen Geld los! Weiß alles! Und nun kommen Sie und wollen nicht nur Beamten haben, der Sie mit den Geheimnissen des Bauernfanges be-kannt macht, sondern auch Kredit in Anspruch nehmen."
"So ist es freilich", sagte der Bürgermeister, obschon er eigentlich sprach-
los vor Staunen hätte sein müssen, daß der Polizeipräsident dies alles wußte.
Der Polizeipräsident ging um seinen Schreibtisch herum. Er war reingefal-len, das war ihm klar. Er sagte also zu dem Bürgermeister, indem er vor diesem stillstand: "Lieber Freund, Sie sind reingefallen, sind Opfer eines Bauernfängers geworden, haben Bauernfang gestern abend gründlich ken-nengelernt, können ruhig wieder nach Schwiesen fahren, werde Ihnen hun-dert Mark für Rechnung des Schwiesener Magistrats anweisen lassen."
Der Bürgermeister war in einen Stuhl gesunken, und der Polizeipräsident hatte seine Fassung wiedergefunden, als er sagte: "Sehe klar in der Sache, bin nicht zu täuschen, kenne die Schliche dieser Gauner!" Der ein-tretende Schallow sah den Bürgermeister wieder scharf an wie vorhin und meldete, er habe in dem ganzen Verbrecheralbum keine unter all den Galgenvisagen gefunden, die dem anwesenden ...
Der Polizeipräsident ließ ihn nicht ausreden. "Es ist gut, Schallow", unter-
brach er ihn, "führen Sie den Herrn zur Kasse und lassen Sie ihm gegen seine Quittung hundert Mark auszahlen." Dann setzte er leise hinzu: "Wie die dreihundert, die der ... heute morgen bekommen hat, zu buchen sind, werde ich noch bestimmen."
Schallow sah den Polizeipräsidenten an und sagte: "Zu Befehl!" Ein feines Ohr mußte so etwas wie ein "Ach so!" heraushören.
Der Polizeipräsident drückte nun dem sich verabschiedenden Bürgermei-ster von Schwiesen die Hand, indem er sagte: "Sehr angenehm gewesen!" Das war aber nicht wahr, es war ihm durchaus nicht angenehm gewesen, und als er nun allein war, zündete er seine Zigarre wieder an, goß sich einen Kognak ein und beschloß, künftig noch etwas vorsichtiger als bisher zu sein. Als Stuppke ins Büro kam, um irgend etwas auf den Schreibtisch zu legen, sah ihn der Polizeipräsident nicht an, und das war vernünftig, denn Stuppke lächelte ein klein wenig schadenfroh.

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Stettenheim

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