
Gedichte & Balladen
Sonette
0 Aufrufevon August Graf von Platen (1796-1835)
Wer wußte je das Leben recht zu fassen,
Wer hat die Hälfte nicht davon verloren
Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
In Liebesqual, in leerem Zeitverprassen?
Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,
Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,
Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,
Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.
Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache.
Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen,
Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.
Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.
Wer in der Brust ein wachsendes Verlangen
Nach schönen Augen fühlt und schönes Haaren,
Den mahn ich ab, der nur zuviel erfahren
Von Schmerz und Qual durch eitles Unterfangen.
Dem jähen Abgrund nur mit Not entgangen,
Was blieb mir aus unendlichen Gefahren?
Im Aug' die Spur von hingeweinten Jahren,
Und in der Brust ein ungeheures Bangen.
Naht nicht der jähen Tiefe, junge Herzen!
Des Ufers Lilien glühn von falschem Feuer,
Denn ach, sie lockten in das Meer der Schmerzen!
Nur jenen ist das Leben schön und teuer,
Die frank und ungefesselt mit ihm scherzen,
Und ihnen ruft ein Gott: Die Welt ist euer!
Wem Leben Leiden ist und Leiden Leben,
Der mag nach mir, was ich empfand, empfinden;
Wer jedes Glück sah augenblicks verschwinden,
Sobald er nur begann, darnach zu streben;
Wer je sich in ein Labyrinth begeben,
Aus dem der Ausgang nimmermehr zu finden;
Wen Liebe darum nur gesucht zu binden,
Um der Verzweiflung dann ihn hinzugeben;
Wer jeden Blitz beschwor, ihn zu zerstören,
Und jeden Strom, daß er hinweg ihn spüle
Mit allen Qualen, die sein Herz empören;
Und wer den Toten ihre harten Pfühle
Mißgönnt, wo Liebe nicht mehr kann betören:
Der kennt mich ganz und fühlet, was ich fühle.
Die letzte Hefe soll ich noch genießen
Im Schmerzensbecher, den du mir gereichet!
O wär ein Kind ich, schnell und leicht erweichet,
Daß ich in Tränen könnte ganz erfließen!
Da mich so hart von ihrer Seite stießen,
Die unermeßlich ich geliebt, erbleichet,
Der letzte Glaube, bittre Kälte schleichet
In ein Gemüt, das Lieb' und Mut verließen.
O wohl mir, daß in ferne Regionen
Ich flüchten darf, an einem fremden Strande
Darf atmen unter gütigeren Zonen!
Wo mir zerrissen sind die letzten Bande,
Wo Haß und Undank edle Liebe Lohnen,
Wie bin ich satt von meinem Vaterlande!
Es sehnt sich ewig dieser Geist ins Weite
Und möchte fürder, immer fürder streben:
Nie könnt ich lang an einer Scholle kleben,
Und hätt ein Eden ich an jeder Seite.
Mein Geist, bewegt von innerlichem Streite,
Empfand so sehr in diesem kurzen Leben,
Wie leicht es ist, die Heimat aufzugeben,
Allein wie schwer, zu finden eine zweite.
Doch wer aus voller Seele haßt das Schlechte,
Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen,
Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte.
Weit klüger ist's, dem Vaterland entsagen,
Als unter einem kindischen Geschlechte
Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen.