
Gedichte & Balladen
Mantellied
0 Aufrufevon Karl von Holtei (1798-1880)
Schier dreißig Jahre bist du alt,
Hast manchen Sturm erlebt.
Hast mich wie ein Bruder beschützet,
Und wenn die Kanonen geblitzet,
Wir beide haben niemals gebebt.
Wir lagen manche liebe Nacht
Durchnässt bis auf die Haut.
Du allein, du hast mich erwärmet,
Und was mein Herze hat gehärmet,
Das hab ich dir Mantel vertraut.
Geplaudert hast du nimmermehr,
Du warst mir still und treu,
Du warst getreu in allen Stücken,
Drum lass ich dich auch nicht mehr flicken,
Du Alter, du würd'st sonst neu.
Und mögen sie mich verspotten,
Du bleibst mir teuer doch,
Denn wo die Fetzen 'runterhangen,
Sind die Kugeln hindurchgegangen,
Jede Kugel, die macht ein Loch.
Und wenn die letzte Kugel kommt
Ins preuß'sche Herz hinein,
Lieber Mantel, lasse dich mit mir begraben,
Weiter will ich von dir nichts mehr haben,
In dich hüllen sie mich ein.
Da liegen wir zwei beide
Bis zum Appell im Grab!
Der Appell macht alles lebendig,
Da ist es denn auch ganz notwendig,
Dass ich meinen Mantel hab.