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Gedichte & Balladen

Frauenliebe und Leben

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von Adalbert von Chamisso (1781-1838)

I.

Seit ich ihn gesehn,
Glaub' ich blind zu sein;
Wo ich hin nur blicke,
Seh' ich ihn allein;
Wie im wachen Traume
Schwebt sein Bild mir vor,
Taucht aus tiefstem Dunkel
Heller nur empor.

Sonst ist licht- und farblos
Alles um mich her,
Nach der Schwestern Spiele
Nicht begehr' ich mehr,
Möchte lieber weinen
Still im Kämmerlein;
Seit ich ihn gesehen,
Glaub' ich blind zu sein.

II.

Er, der Herrlichste von allen,
Wie so milde, wie so gut!
Holde Lippen, klares Auge,
Heller Sinn und fester Mut.

So wie dort in blauer Tiefe
Hell und herrlich jener Stern,
Also er an meinem Himmel
Hell und herrlich, hoch und fern.

Wandle, wandle deine Bahnen;
Nur betrachten deinen Schein,
Nur in Demut ihn betrachten,
Selig nur und traurig sein!

Höre nicht mein stilles Beten,
Deinem Glücke nur geweiht;
Darfst mich niedre Magd nicht kennen,
Hoher Stern der Herrlichkeit!

Nur die Würdigste von allen
Soll beglücken deine Wahl,
Und ich will die Hohe segnen,
Segnen viele tausendmal.

Will mich freuen und dann weinen;
Selig, selig bin ich dann,
Sollte mir das Herz auch brechen!
Brich, o Herz! was liegt daran?

III.

Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,
Es hat ein Traum mich berückt:
Wie hätt' er doch unter allen
Mich Arme erhöht und beglückt?

Mir war's, er habe gesprochen:
Ich bin auf ewig dein -
Mir war's - ich träumte noch immer,
Es kann ja nimmer so sein.

O laß im Traume mich sterben,
Gewieget an seiner Brust,
Den seligsten Tod mich schlürfen
In Thränen unendlicher Lust!

IV.

Du Ring an meinem Finger,
Mein goldnes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
Dich fromm an das Herze mein.

Du Ring an meinem Finger,
Da hast du mich erst belehrt,
Hast meinem Blick erschlossen
Des Lebens unendlichen Wert

Ich werd' ihm dienen, ihm leben,
Ihm angehören ganz,
Hin selber mich geben und finden
Verklärt mich in seinem Glanz.

Du Ring an meinem Finger,
Mein goldnes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
Dich fromm an das Herze mein.

V.

Helft mir, ihr Schwestern,
Freundlich mich schmücken,
Dienet der Glücklichen heute mir,
Windet geschäftig mir um die Stirne
Noch der blühenden Myrte Zier.

Als ich befriedigt, freudigen Herzens
Sonst dem Geliebten im Arme lag,
Immer noch rief er, Sehnsucht im Herzen,
Ungeduldig den heutigen Tag.

Helfet, ihr Schwestern, helft mir verscheuchen
Eine thörichte Bangigkeit,
Daß ich mit klarem Aug' ihn empfange,
Ihn, die Quelle der Freudigkeit.

Bist, mein Geliebter, du mir erschienen,
Giebst du mir, Sonne, deinen Schein,
Laß mich in Andacht, laß mich in Demut,
Laß mich verneigen dem Herren mein.

Streuet, ihr Schwestern, streuet ihm Blumen,
Bringet ihm knospende Rosen dar -
Euch aber, Schwestern, grüß' ich mit Wehmut,
Heute scheidend aus eurer Schar.