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Gedichte & Balladen

Die Glocke im Meer

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von Richard Dehmel (1863 - 1920)

Ein Fischer hatte zwei kleine Jungen,
hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:
Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
das Glockenspiel zu hören.

Der eine sprach zu dem andern Sohn:
Der alte Mann verkindet schon.
Was singt er das dumme Lied immerfort?
Ich hab' manchen Sturm gehört an Bord,
noch nie eine Wunderglocke.

Der andere sprach: Wir sind noch jung,
er singt aus tiefer Erinnerung.
Ich glaube, man muss viele Fahrten bestehn,
um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;
dann hört man es auch wohl läuten.

Und als der Vater gestorben war,
fuhren sie weg mit braunblondem Haar.
Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,
dachten sie eines Abends im Hafen
an die Wunderglocke.

Der eine sprach, verdrossen und alt:
Ich kenne das Meer und seine Gewalt.
Ich hab' mich zuschanden auf ihm geplagt,
Hab' auch manchen Gewinn erjagt;
Läuten hört' ich es niemals.

Der andere sprach und lächelte jung:
Ich gewann mir nichts als Erinnerung;
es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
das Glockenspiel zu hören.